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Neuer ADFC-Chef Robert Strehler: „Die Menschen erwarten sofort Verbesserungen“

Der neue ADFC-Vorsitzende Robert Strehler

Vor einem Monat hat der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club Leipzig (ADFC Leipzig) einen Vorstand gewählt. Zum neuen Vorsitzenden bestimmten die Mitglieder Robert Strehler, der in der Südvorstadt lebt und arbeitet. Im Interview mit dem Karli.blog erklärt der neue ADFC-Chef, was er verändern möchte, wie er die Lage des Radverkehrs in der Stadt beurteilt und ob er im eigenen Stadtteil gerne mit dem Rad unterwegs ist.

Robert Strehler bietet dem Besucher erst einmal etwas zu trinken an. Stolz weist er auf die schmale weiße Küchenzeile in der ADFC-Geschäftsstelle hin. Die sei erst vor kurzem eingebaut worden. Endlich könnten die Mitglieder und Besucher vernünftig mit Kaffee oder Tee versorgt werden, freut sich Strehler. Das passt gut zu den Plänen des 31-Jährigen. Er möchte, dass mehr Menschen in das Büro im Peterssteinweg 18 kommen, sich im Verein engagieren und ihre Ideen für den Radverkehr in der Stadt einbringen. Mit der Lage des Radverkehrs in Leipzig zeigt sich der neue ADFC-Chef im Gespräch allerdings überraschend zufrieden.

Frage: Was möchtest Du anders machen als der alte Vorstand?

Robert Strehler: Es geht für mich nicht darum, etwas grundsätzlich anders zu machen. Ich will erreichen, dass der ADFC Leipzig mit seinen über 1.300 Mitgliedern von innen heraus aktiver wird und den Radverkehr noch stärker mitgestaltet. Ich möchte außerdem, dass mehr jüngere Menschen zu uns kommen, auch Familien mit Kindern. Dafür müssen wir uns thematisch öffnen und zum Beispiel auch die Digitalisierung in den Blick nehmen.

Woran denkst Du konkret beim Thema Digitalisierung?

Im Grunde ist Radfahren natürlich eine analoge Angelegenheit. Trotzdem liegen im Bereich der Vernetzung Chancen. Da meine zum Beispiel Ausleih- und andere Sharing-Systeme. Sichere Abstellplätze sind ebenfalls ein Thema. Es gibt bei der Stadtverwaltung eine digitalisierte Karte mit jedem Haltebügel in Leipzig. Von der Karte weiß aber niemand. Wenn man darauf mit dem Handy zugreifen könnten, wäre das ein guter Service, der vielleicht etwas gegen das riesige Diebstahlproblem hilft.

Die jüngste Diskussion um die Jahnallee zeigt, wie groß die Aufmerksamkeit im Moment für bestehende Probleme ist.

Du beschreibst die Zukunft. Wie beurteilst Du die gegenwärtige Lage des Radverkehrs in Leipzig?

Die diplomatische Antwortet lautet: Es gibt Flecken, wo die Situation gut ist und andere, wo es weniger gut ist. Die jüngste Diskussion um die Jahnallee zeigt, wie groß die Aufmerksamkeit im Moment für bestehende Probleme ist. Die Menschen haben den Anspruch, dass Lösungen gefunden werden. Die gute Nachricht ist, dass es auch Akteure gibt, die das ernst nehmen und Veränderungen durchsetzen. Insofern ist der Radverkehr in Leipzig in einem guten Zustand. Jedenfalls gibt es Städte, in denen es deutlich schlechter aussieht.

Viele Radfahrer sind aber auch sehr unzufrieden…

Klar, es bleibt viel zu tun. Holprige Straßen, Radschnellwege, Fahrradstraßen – das beschäftigt die Menschen. Wichtig ist, dass wir ein verbindliches Gesamtkonzept mit einem geschlossen Radverkehrsnetz bekommen, an dem sich alle orientieren können. Damit können wir die Situation nach und nach verbessern. In jedem Stadtteil wird man derzeit noch problematische Stellen finden. Und so lange noch Menschen mit ihrem Rad bei uns im Straßenverkehr umkommen, gibt es sowieso keinen Grund für Zufriedenheit.

Der ADFC-Chef Robert Strehler vor dem Eingang der ADFC-Geschäftsstelle im Peterssteinweg.
Der Ärger über Fahrraddiebstähle brachte Robert Strehler dazu, sich für das Radfahren politisch einzusetzen. (Foto: Anne-Katrin-Hutschenreuter)

Der Stadtrat hat vor kurzem eine Mobilitätsstrategie 2030 beschlossen und sich dabei für das sogenannte Nachhaltigkeitsszenario ausgesprochen. Es sieht deutlich höhere Investitionen in den ÖPNV und auch in den Radverkehr vor. Eine gute Entscheidung?

Als ADFC unterstützen wir dieses Szenario, weil wir es als guten Ausgleich zwischen allen Arten der Mobilität ansehen. Der Radverkehr soll erhöht werden, was aus unserer Sicht natürlich ein richtiger Schritt ist.

Der Plan sieht vergleichsweise bescheidende zusätzliche Investitionen von 60 Millionen Euro in die Radverkehr vor. Der ÖPNV bekäme fast eine Milliarde Euro. Stimmen da die Verhältnisse?

Das sehen wir schon realistisch. Der ÖPNV ist der wesentlich teurere Bereich. Dort sind Investitionen in neue Schienenwege viel höher als bei einer Fahrbahnmarkierung für einen Radweg.

Aber reichen die Mittel denn aus, um das Ziel zu erreichen, den Radverkehrsanteil von 17 auf 23 Prozent zu erhöhen?

Ja und nein. Für uns als ADFC könnte es selbstverständlich deutlich mehr sein. Wenn man die Mittel aber gut einsetzt, kann man viel bewirken. Wichtig ist, dass das Geld schnell eingesetzt und abgerufen wird. Der Fahrradverkehr in Leipzig wächst jetzt. Die Menschen erwarten sofort Verbesserungen.

Du wohnst und arbeitest in der Südvorstadt. Wie siehst Du die Lage des Radverkehrs speziell im Leipziger Süden?

Es gibt Stadtteile im Vergleich, wo der Radverkehr es deutlich schwieriger hat. Bei uns in der Südvorstadt sind viele Lösungen in Ordnung und man ist mit dem Rad gut unterwegs.

Seit der der großen Sanierung der Karl-Liebknecht-Straße hat der Radverkehr dort sehr zugenommen. Wie beurteilst Du die Situation dort?

Es war eine gute Entscheidung die Fahrspuren der Straßenbahnen, Autos und Radfahrer so klar zu trennen, wie es jetzt der Fall ist. Im Detail muss man aber genau hinschauen. Ich denke zum Beispiel an den Knotenpunkt unten vor dem Café Waldi an der Münzgasse. Zu Stoßzeiten ist dort unheimlich viel los. Da muss die Stadtverwaltung vielleicht noch einmal nachprüfen, ob in der Realität alles so gut funktioniert, wie man sich das bei der Planung gedacht hat.

Wir brauchen generell mehr Achtsamkeit und gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr.

Ein Problem auf der Karli ist das sogenannte Dooring, also wenn Autofahrer ihre Tür ohne Vorsicht zum Radweg hin öffnen. Vor kurzen wurde dabei auch eine Radfahrerin schwer verletzt. Dafür gibt es wohl keine Lösung, oder?

Theoretisch kann man einen zusätzlichen Abstand zum Radweg ziehen, um das Dooring zu verhindern. Wo das möglich ist, wird das in Leipzig auch häufiger gemacht. Man kann das Problem aber leider nicht überall durch Umbaumaßnahmen lösen. Wir brauchen generell mehr Achtsamkeit und gegenseitige Rücksichtnahme im Straßenverkehr. Es bringt nichts, wenn Radfahrer auf Autofahrer schimpfen und umgekehrt. Alle sind gefragt, sich im Verkehr auch einmal selbst zurückzunehmen. Ein anderer konkreter Ansatz: In Leipziger Taxen sollen demnächst Aufkleber vor den Rücksitzen angebracht werden, um die Leute daran zu erinnern, vor dem Aussteigen nach hinten zu sehen.

Die Stadt freute sich zuletzt über den gestiegenen Fahrradverkehr auf der Karli. Die Verwaltung sieht aber keinen Grund, etwa die Bernhard-Göring-Straße umzubauen, um die Karli zu entlasten. Wie ist da Deine Position?

Die Stadt hat vor Jahren zugesagt, dass sie die Bernhard-Göring-Straße in beiden Richtungen für Radfahrer öffnen wird. Als ADFC bestehen wir auf dieser Maßnahme und werden immer wieder kritisch nachfragen, warum nichts passiert.

Im Moment sagt die Stadt, sie könne die Bernhard-Göring-Straße nicht umbauen, weil dann laut eines Gutachtens auf der Arthur-Hofmann-Straße die Stickoxidgrenzwerte überschritten würden.

Wir empfinden das als Zeitspiel. Vielleicht hofft die Stadt, dass das Anliegen dadurch in Vergessenheit gerät. Aber das ist definitiv nicht der Fall. Generell muss das, was einmal mühsam beschlossen wurde, auch umgesetzt werden. Das gilt nicht nur in der Bernhard-Göring-Straße.

Titelfoto: Anne-Katrin Hutschenreuter

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