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Schriftstellerin Barbara Handke im Interview: „Vieles war entwertet“

Barbara Handke.

Die Leipziger Autorin Barbara Handke hat im Frühjahr ihren Debütroman „Wo ist Norden“ vorgelegt. Die 42-Jährige, die im Zentrum-Süd lebt, beschreibt darin die Geschichte einer Familie, die nach der Wiedervereinigung für den symbolischen Betrag von einer D-Mark einen Gutshof in Mecklenburg-Vorpommern kauft. Im Zentrum des Romans steht der Balanceakt zwischen Zugehörigkeit und Eigenständigkeit. Im Interview erzählt Handke, was die Suche nach Orientierung in der Nachwendezeit so schwierig gemacht hat und wie dies heute noch Gesellschaft und Politik beeinflusst.

Frage: Viele Rezensenten bezeichnen Dein Buch als Wenderoman. Würdest Du das auch so sehen?

Barbara Handke: Zum Teil. Eigentlich interessieren mich mehr universelle Fragen, zum Beispiel eben, wie Menschen mit Gefühlen der Orientierungslosigkeit umgehen. Es ist aber schwierig, ein Buch zu platzieren, wenn das Thema potenziellen Lesern nicht auf Anhieb klar wird. Wenn auf dem Buch stehen würde, dass es um jemanden geht, der irgendwie auf der Suche nach irgendwas ist – da greift keiner zu.

Aber die Verknüpfung des Grundthemas der Orientierungslosigkeit mit der Nachwendezeit ist nicht zufällig, oder?

Nein, das ist kein Zufall. Ich habe die Zeit selbst erlebt. Als die Mauer fiel, war ich 13 Jahre alt. Ich bin im Osten in einem oppositionellen Milieu aufgewachsen und habe die Wende sehr begrüßt. Gleichzeitig habe ich gemerkt, wie schwierig es ist, sich in einer völlig veränderten Welt zurechtzufinden. Ich habe zum Beispiel erst viel später begriffen, welche Rolle Geld spielt. Da habe ich schon studiert. Das war mir vorher tatsächlich nicht klar. Man musste an vielen Stellen neu lernen, wie Gesellschaft funktioniert. Das war eine riesige Herausforderung für viele Menschen.

Wie hast Du die Zeit darüber hinaus wahrgenommen?

Als Mischung aus Aufbruch und Überforderung. Ich habe es so erlebt, dass die Menschen damals unglaublich mit sich selbst beschäftigt waren. Gerade meine Generation hat von ihren Eltern, aber auch von Lehrern und anderen Bezugspersonen nur sehr wenig Orientierung bekommen. Und das in einer Zeit, wo man nach eigenen Lebenswegen sucht. Das war mit großer Unsicherheit verbunden. Einerseits war man froh, den DDR-Staat los zu sein. Andererseits ging auch viel verloren, was jenseits von staatlichen Vorgaben entstanden war.

Was genau war das?

Ich meine damit etwa Freundeskreise, die sich gefunden hatten, bestimmte Formen des Miteinanders oder die Gemeinsamkeit, sehr viel improvisieren zu müssen. Das Improvisieren ist ein gutes Beispiel. Es gibt einem eigentlich ein gutes Gefühl zu wissen, dass man sein Leben selbst unter schwierigen Umständen meistern kann. Aber nach 1989 war das auf einmal lächerlich. Vieles war entwertet. Diese Verluste sind vielen nicht bewusst geworden und haben sich als Frust aufgestaut.

„Tatsächlich sind die Gefühle von Vertrautheit und Zugehörigkeit für viele Menschen mit der Wende verschwunden.“

Heimat ist ein weiteres Grundthema Deines Romans. Hängt die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Verwurzelung ebenfalls mit der Wendezeit zusammen?

Mit dem Begriff Heimat wird ja allerhand verbunden, auch manches, womit ich gar nichts anfangen kann. Plötzlich reden alle davon. Aber tatsächlich sind die Gefühle von Vertrautheit und Zugehörigkeit für viele Menschen mit der Wende verschwunden. Eine Freundin von mir sagte einmal, sie fühle sich, als sei sie ausgewandert. Ich würde sagen, es war wie in eine Zeitkapsel zu steigen und viel zu schnell in die Zukunft zu reisen.

Sind diese Gefühle noch immer für viele Missverständnisse zwischen Ost- und Westdeutschen verantwortlich?

Eigentlich verstehen sich Ost- und Westdeutsche doch ganz gut miteinander. Die Ostdeutschen haben aber in den 90er-Jahren viel mehr Veränderungen gestemmt und Herausforderungen bewältigt. Viele haben die selbst erkämpfte Demokratie für sich auch angenommen. Das hätte eigentlich Anerkennung verdient. Eine zweite Sache betrifft die Aufarbeitung. Viele Ostdeutsche hatten neben den anderen Dingen gar nicht mehr die inneren Kapazitäten, um die gesamten Entwicklungen für sich einzuordnen. Es gibt auch kaum Erzählungen darüber. Ich denke, dies sind Gründe dafür, warum auch heute mehr Ost- als Westdeutsche mit den Veränderungen, die ja ständig weitergehen, nicht gut umgehen können.

Du meinst zum Beispiel die Zuwanderungspolitik. Sind die Pegida-Demonstrationen, Rechtsextremismus oder auch die jüngsten Ereignisse in Chemnitz Nachwirkungen der Wiedervereinigung?

Sicherlich nicht nur. Aber offenbar haben die Umbrüche in den 90er-Jahren auch diese destruktiven Denkweisen wieder ans Licht gebracht. Im Osten leben mehr Menschen, die unter Demokratie nur verstehen, dass sie selbst alle möglichen Rechte haben. Sie haben nicht begriffen, dass Bürger- und Freiheitsrechte für wirklich alle gelten, gerade auch für Menschen, die ganz anders sind. Und dass man eine Demokratie nur erhält, wenn man mit seinen Rechten auch verantwortungsvoll umgeht. Es scheint noch eine Weile zu dauern, bis das bei allen ankommt.

Ohne allzu sehr ins Politische abzudriften: Ist so etwas wie ein Heimatministerium jetzt die richtige Antwort auf die Probleme der Zeit?

Die bessere Antwort wäre mehr Teilhabe und Mitbestimmung, um die Ideale der Demokratie umzusetzen. In der Arbeitswelt sieht man zum Beispiel, dass Menschen sehr wenig mitzubestimmen haben. Auch Schulen sind oft nicht demokratisch organisiert. Da ließen sich viele Beispiele finden.

„Eindrücke müssen bei mir erst sacken und aus dem Unterbewussten wieder hervorgeholt werden, um zu Literatur werden zu können.“

Lass uns noch etwas über Dich sprechen. Dein Roman spielt fast ausschließlich in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Du wohnst aber hier im Süden von Leipzig. Hast Du eine heimliche Sehnsucht nach dem Landleben?

Für mich ist es schwer, über etwas literarisch zu schreiben, was ich jeden Tag sehe. Eindrücke müssen bei mir erst sacken und aus dem Unterbewussten wieder hervorgeholt werden, um zu Literatur werden zu können. Deshalb helfen mir alle Formen der Distanzierung. Das ist auch der Grund, warum ich zum Beispiel aus der Sicht eines Mannes schreibe und die Geschichte in der Vergangenheit angesiedelt ist.

Cover des Buchs "Wo ist Norden"
Titelbild des Romans „Wo ist Norden“ von Barbara Handke. Quelle: Barbara Handke

Also lebst Du gerne in der Großstadt?

Ich wäre eine perfekte Figur in einem Dostojewski-Roman, weil ich gerne im Winter in der Stadt lebe und im Sommer in die Sommerresidenz wechseln würde. Das wäre phantastisch. Mir gefällt an der Stadt aber, dass man viele Menschen treffen kann, dass es guten Kaffee gibt und natürlich die Möglichkeit Kultur zu erleben. Auch die Anonymität genieße ich. Ich komme aus einer Kleinstadt und fand den Umstand anstrengend, immer erkannt zu werden.

Planst Du schon eine zweite Buchveröffentlichung?

Ich bin fertig mit einer Novelle und bereits im Gespräch mit einer Verlegerin, die hier in der Südvorstadt gerade einen neuen Verlag gründet. Es ist natürlich immer teuer, ein Buch herauszubringen. Insofern ist noch nichts sicher und wir müssen sehen, ob die Mittel zusammenkommen. Tatsächlich plane ich darüber hinaus auch einen weiteren Roman.

Spielt der in Leipzig oder gehst Du literarisch wieder hinaus aufs Land?

Es wird wieder etwas anderes sein. Hemingway hat mal gesagt, dass er erst über Paris schreiben konnte, als er längst nicht mehr dort lebte – so wird es mir mit Leipzig wahrscheinlich auch gehen.

Der Roman „Wo ist Norden“ von Barbara Handke ist im Frühjahr bei BoD erschienen. Das Buch und weitere Informationen gibt es unter www.woistnorden.de.

1 Kommentar zu “Schriftstellerin Barbara Handke im Interview: „Vieles war entwertet“

  1. Vielen Dank für die Anregung zu diesem Buch. Da ich als Leipziger aufgrund von Freundschaften mit Mecklenburg sehr verbunden bin, interessiert mich der Roman.
    Zum Interview möchte ich anmerken, dass nicht alle die Wende als Zeit der Entwertung und Orientierungslosigkeit erlebt haben – ein Narrativ, der aktuell als repräsentativ und ursächlich für den Rechtsruck angesehen wird, und der mich zunehmend nervt.
    Frau Handke hat ja glücklicherweise im Interview diese Lesart nicht bedient (anders, als es die Überschrift des Artikels suggeriert), sondern bringt eine andere, differenziertere Sicht ein. Auch von daher bin ich gespannt auf das Buch.

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