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Arndtstraße wird in Hannah-Arendt-Straße umbenannt

Straßenschild der Arndtstraße in Leipzig.

Die Südvorstadt bekommt eine Hannah-Arendt-Straße. Die Arndtstraße wird umbenannt und erhält den Namen der jüdischen Publizistin, Politikwissenschaftlerin und Philosophin. Eine Mehrheit des Stadtrates folgte der Auffassung, dass der vorherige Namensgeber Ernst Moritz Arndt nicht mehr tragbar ist.

Die Arndstraße in der Südvorstadt wird in Hannah-Arendt-Straße umbenannt. Das hat der Leipziger Stadtrat mit knapper Mehrheit am Mittwoch beschlossen. 31 Stadträte stimmten für den Antrag, 28 dagegen, vier enthielten sich.

Antrag der PARTEI

„Danke allen, die diesen Antrag unterstützt haben“, schrieb Thomas Kumbernuß, Stadtrat der PARTEI, bei Twitter. Kumbernuß hatte den Antrag Ende Oktober eingebracht. Mehr als 120 Menschen hatten die Umbenennung zudem mit einer Petition gefordert. Bereits am 8. Januar hatte auch der Stadtbezirksbeirat seine Zustimmung gegeben.

Grüne und Linke freuten sich bei Twitter über das Abstimmungsergebnis. Grünen-Stadtrat Martin Meißner schrieb:

„Ein Antisemit weniger im Stadtbild.“

Die Linke kommentierte bereits vor der Abstimmung: „Keine Ehrung nationalistischer und antisemitischer Literatur […].

Erste Benennung nach einer Frau

In seinem Antrag begründete Stadtrat Thomas Kumbernuß das Anliegen mit dem Wirken des Schriftstellers Ernst Moritz Arndt. Dies sei durch „antisemitische, rassistische, nationalistische, frankophobe und militaristische Tiraden gekennzeichnet“. Dieser Auffassung folgte nun offenbar die Mehrheit der Stadträte.

Die Entscheidung für den Namen Hannah-Arendt-Straße ist demgegenüber von besonderer Symbolkraft. Denn es ist die erste Straße in der Südvorstadt, die den Namen einer Frau erhält.

Anders als in der ursprünglichen Fassung dieses Artikels behauptet, ist es aber nicht das erste Mal in der Geschichte, dass eine Straße in der Südvorstadt nach einer Frau benannt wird. Die Bernhard-Göring-Straße hieß früher Elisenstraße, nach Prinzessin Elisabeth von Sachsen und Herzogin von Genua. Die Richard-Lehmann-Straße trug vormals den Namen Kaiserin-Auguste-Straße, nach der Frau Kaiser Wilhelms I. Darauf hatte das Team des Leipzig-Lexikons nach Veröffentlichung hingewiesen. Die Richard-Lehmann-Straße erhielt bereits 1945 ihren heutigen Namen. Die Umbenennung der Bernhard-Göring-Straße erfolgte 1950.

Blick in die Arndtstraße von der Karli aus in westlicher Richtung.
Blick in die jetzige Arndtstraße und künftige Hannah-Arendt-Straße von der Karli aus in westlicher Richtung. (Foto: Karli.blog/Alexander Laboda)

International bedeutende Persönlichkeit

Die Eignung Hannah Arendts als Namenspatronin ist unzweifelhaft. Die 1906 in Hannover geborene politische Philosophin, freie Schriftstellerin und Professorin für Politische Theorie erlangte bis zu ihrem Tod im Jahr 1975 große internationale Bekanntheit. Insbesondere beschäftigte sich mit dem Ursprung politischer Gewalt und Totalitarismus – Themen, die gerade heute aktueller denn je sind.

Arendt selbst wurde als Jüdin von der Gestapo verhaftet und musste Deutschland im Jahr 1933 verlassen. Später beobachtete sie den Eichmann-Prozess in Israel und wurde in Deutschland vor allem für ihr Buch darüber bekannt, das den Untertitel „Bericht von der Banalität des Bösen“ trägt.

Wann die Umbenennung in Hannah-Arendt-Straße erfolgen soll, war nicht Teil des beschlossenen Antrags.

14 Kommentare zu “Arndtstraße wird in Hannah-Arendt-Straße umbenannt

  1. Diane Hentschel

    Ich freue mich über die Entscheidung im Stadtrat! Ich bewundere die Frau und bin richtig froh über die Umbennung.
    Danke an alle Unterstützer

  2. Manfred Erkenbrecher

    Ein wichtiges Zeichen gegen Antisemitismus in unserer Stadt. Dank an Thomas Kumbernuß und die „Partei“, sowie alle Stadträte, diesen Antrag unterstützt haben.

    • Peter Heidrich

      Ernst Moritz Arndt wurde selbst zu DDR-Zeiten als Wegbereiter der Befreiungsbewegung von 1813 anerkannt. Er war somit kein Produkt national-sozialistischer oder kaiserlicher Ideologie. Mag sein, daß er als Kind seiner Zeit nicht im Sinne eines modischen Polital correctness-Verständnis publiziert hat. Man muß 200 Jahre später auch nicht alle seine Ansichten teilen. Ebenso wenig die ideologischen Purzelbäume selbsternannter „linker“ Anarchos; – die oft selbst genau wissen, was sie da in Bausch und Bogen verdammen. Man muß auch mal den Ball flachhalten können.
      P.M.H

      • Omg. Es gibt Wichtigeres als so ein Käse was 200 Jahre her ist. Ich hoffe die Unterstützer tragen die Umbenennungskosten.

  3. Alexander Laboda

    Ein Anwohner mit dem User-Namen „Antishapetheworld“ hat unter dem zweiten Artikel zum Thema, in dem der Antrag vorgestellt wurde, einen ausführlichen Kommentar geschrieben. Diesen möchte ich hier im aktuellen Artikel gerne noch einmal veröffentlichen:

    „Ich gebe eigentlich nur ungern meinen Senf zu bestimmten Themen. Da ich allerdings Anwohner dieser Straße bin, muss ich doch meinen Unmut darüber preisgeben.

    Es gibt ein paar Dinge die mich sehr an der Namensänderung stören:

    1. Ich finde es einfach ein Unding, dass man eine Petition startet, zu einem Thema das mehr als nur einen bestimmten Kreis von Wissenden betrifft, dies aber nicht für alle zugänglich macht. Ich glaube den wenigsten war bekannt, dass es eine solche Petition gab. Es kann auch nicht sein, dass der Stadtrat anhand einer 140 Stimmen Petition einfach mal beschließt (übrigens nicht weit vor der OB-Wahl) den Namen einer Straße zu ändern. Es sollten im Vorfeld alle Anwohner dazu befragt werden und ein gemeinsames Pro & Kontra aufgezeigt werden bevor man mit einem solchen Wunsch vor den Stadtrat tritt. Das gab es meines Wissens nach nicht und ich finde es einfach nur traurig, wie die Menschen in dieser Stadt agieren. Es ist wirklich so undemokratisch, wenn quasi 90% der Arndtstraße nichts von dieser Petition wusste.

    2. Wie verrückt sind wir denn eigentlich geworden? Klar war der Herr Arndt eine Persönlichkeit seiner Zeit der Antisemitismus propagierte und auch in vielen seiner Schriften zum Ausdruck brachte. Aber er war eben auch kein Massenmörder wie viele andere später. Ich meine zur Zeit in der Arndt lebte waren wohl fast alle Menschen antisemitisch oder fremdenfeindlich. Ich bin mir sicher, dass man auch über Goethe und Schiller Schriften findet, die einen veranlassen würden selbiges zu tun. Es ist aber eben wirklich stark übertrieben, 200 Jahre in die Vergangenheit zu geben, zu einer Zeit wo alles komplett anders war als heute und dann einfach zu sagen „Oh der war aber böse und der auch …“, fangen wir irgendwann an auch den Begriff Neandertaler zu verbieten, weil dieser seiner Zeit Tiere umbrachte. Klar der Vergleich ist schlecht, aber da werden wir irgendwann hinkommen. Ich denke es sollte auch Grenzen geben. Mir wäre ein Ernst Moritz Arndt heutzutage auch nicht lieb, ich mag Antisemiten nicht und auch Fremdenhass verabscheue ich. Aber ich denke, es geht einfach zu weit.

    3. Den unnötigen Aufwand, den alle Bewohner der Arndtstraße jetzt haben und die Kosten für die Stadt. Es ist ja wenn man so drüber nachdenkt, nicht nur der Personalausweis der geändert werden muss (Ich hoffe die Stadt kommt dafür auf, da sie dem zugestimmt hat.) sondern auch alle anderen Bereiche, wie personenbezogene Daten die man bei der Bank und Krankenkasse ändern lassen muss.

    4. Ich wohne nun mittlerweile 10 Jahre auf dieser Straße und ich verbinde den Namen nun mal leider auch mit dem Begriff „Zuhause“. Durch die Änderung des Namens nehmen mir die Verfasser der Petition und der Stadtrat nun ein Stück weit mein Zuhause weg. Ich bin mir sicher, dass es noch viele andere gibt die so denken und auch nichts von dieser Entscheidung wussten.

    Ich bin mehr und mehr enttäuscht von den Menschen die hier leben. In meinen Augen ist übertriebener Aktionismus nicht der richtige Weg zur Lösung.“

    • Ich wünsche dir viel Kraft, um über die bevorstehenden gravierenden Änderungen an deinem Zuhause hinwegzukommen. Falls wir uns mal auf der Straße begegnen, stell ich mich zu dir, biete dir meine Schulter zum Anlehnen und schwärme mit dir gemeinsam über die Zeit, als die Straße noch Arndt-Straße hieß. Ein Trostpflaster hab ich dann auch dabei. Du armer…

  4. Arndtwohner

    Mein Vorredner hat völlig Recht. Es ist eine unerträglich auf Basis von nicht mit dieser Strasse assoziierten 140 Kaspern, die einfach nur mal dabei sein wollen, einen aus meiner Sicht völlig neutralen Strassennamen (unabhängig von deren Namensgeber) umzubenennen und keinerlei Rücksicht auf die (weit mehr als 140 Petitionisten) Anwohner zu nehmen. Die Strasse heist ja nicht z.B. „Strasse der Opfer des Antifaschismus“ oder „Strasse der Opfer der Stadtpolitik“.

    Ich setze auf eine Gegenpetition zum Beibehalt des Strassennamens und wenn diese mehr Stimmen erhält soll dem demokratischen Ansinnen genüge getan werden. Traurig, nur von Narren und Trendläufern regiert zu werden.

  5. Ich kann mich da leider nur anschließen und finde es nicht gut, das man hier als Anwohner nicht mit einbezogen wird!
    Die Geschichte des Namens hin oder her aber für mich zählt jetzt nur eins, wer trägt meine Kosten und die Zeit die ich investieren muss um überall meine Daten zu ändern? Kann ich dann die Rechnung an „die Partei“ schicken?

  6. Was für ein Irrsinn. Wer steht als nächstes auf der Liste? Friedrich Ludwig Jahn? Gegen seine judenfeindlichen Aussagen sind Arndts Äußerungen jedenfalls eher vernachlässigbar. Wenn man diesbezüglich genauer hinschaut… Luther? Wagner? Freytag? Nun ja. E.M.Arndt hat halt viel veröffentlicht. Er hat gegen die Leibeigenschaft angeschrieben, sich für eine, Zivilisten unter Schutz stellende, Landkriegsordnung eingesetzt. Ja. Er hat antisemitische Äußerungen vorgebracht. Er hat aber auch, als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, einen Verfassungsentwurf mit auf den Weg gebracht, der die die volle Gleichberechtigung der Juden in Deutschland festgeschrieben hätte.
    Die völlig einseitige Kampagne gegen Arndt zeigt leider auf, wie wenig Diskurs momentan möglich ist. Und es hätte sicher andere oder auch, in der wachsenden Stadt, neue Straßen gegeben, die den Namen Hannah Arendts tragen können.

  7. Bitte als nächstes den Richard-Wagner-Hain umbenennen !
    Ich würde Ilja-Ehrenburg-Hain vorschlagen. Vielleicht finden sich ja noch ca. 100 Leute die das auch so sehen ?
    In Rostock gibt es ja bereits eine Ilja-Ehrenburg-Straße.
    Ilja Ehrenburg war nicht nur Jude, sondern auch ein lobenswerter „Schriftsteller“ und enger vertrauter eines Herrn Stalin und rief mehrfach öffentlich zu Massenmord und Vergewaltigung auf, was auch gut dokumentiert ist und (zum Glück?) auch millionenfach ausgeführt wurde.
    Zitate Ehrenburg:
    Deutsche sind keine Menschen, Deutsche sind zweibeinige Tiere, widerliche Wesen, Bestien. Sie haben keine Seele. Sie sind einzellige Lebewesen, seelenlose Mikroben, die mit Maschinen, Waffen und Minenwerfern ausgerüstet sind.“
    „Wenn Du einen Deutschen erschlagen hast, schlage noch einen anderen tot; es gibt für uns nichts Lustigeres als deutsche Leichen!“
    (Die Originaldokumente sind im Bundesarchiv Koblenz zu finden…)

    Ich hoffe aus meinen Sätzen ist kein Antisemtismus herauszulesen. ICh bewundere unsere jüdischen Mitbürger und vor allem eben auch MEnschen wie einen Ilja Ehrenburg oder eben auch einen Marx, der durch seine großartigen Ideen, die ja immerhin (missverstandenerweise) zu 100 Millionen ermordeten führte. Marx dafür zu kritisieren wäre allerdings antisemitisch und das würde auch der „Karli“ oder die Rosi so sehen:)

  8. Wohne seit 1997 in der Arndtraße und freue mich darüber, dass in H. Arendt umbenannt wird.
    Kann allerdings auch verstehen, dass einige sich aus den unterschiedlichsten Gründen darüber ärgern.

  9. Christoph Böwing

    Sowohl als Bewohner der Arndtstraße (seit 2001) als auch als Historiker kann ich diesen ahistorischen Akt von „historical correctness“ in keiner Weise mittragen: Wie kann es sein, dass unter der von 140 – sicher mehrheitlich „straßenfremden“ – Petitenten und Petitentinnen initierten „historischen Säuberung“ jetzt geschätzt 1.500 „Arndtsträßler“ leiden müssen? Und dies ist keineswegs eine Petitesse: Es ist in meinen Augen ein Unding, wie bereits mehrere Kommentatoren und Mitnbewohner der (Noch-)Arndtstraße zu Recht angemerkt haben, dass wir Anwohner in keiner Weise in den Entscheidungsprozess mit einbezogen wurden und mit der Umbenennung nun vor im Stadtrat vollendete Tatsachen gestellt werden sollen.. Als ob man im Alltag nicht schon genug Laufereien zu und Schreibereien mit Ämtern, Behörden, Geschäften und Dienstleistern hätte, muss man sich auch noch darum kümmern, diese von einer überflüssigen Adressänderung in Kenntnis zu setzen. Ich behalte mir daher vor, die hierbei entstehenden Kosten (Namensstempel, ggf. Briefpapier und andere Drucksachen) sowie eine angemessene Vergütung für die von meiner Freizeit abgehende Arbeitsleistung Herrn Kumbernuß und der PARTEI in Rechnung zu stellen. Gerade DIE PARTEI, die ja – wenn sie programmatisch überhaupt für etwas steht – zugunsten des kleinen Mannes und der kleinen Frau gegen farblose Bürokraten, in der Berliner oder Brüsseler Blase lebende Abgeordnete und andere „Spassbremsen“ des politischen Systems ankämpfen möchte, müsste hierfür eigentlich Verständnis haben.

    Im Übrigen habe ich absolut nichts dagegen, nach Hannah Arendt eine – n e u e – Strasse zu benennen: Im noch zu erschließenden und zu bauenden Stadtquartier zwischen Bayerischem Bahnhof und MDR wird es nach der Fertigstellung bestimmt zahlreiche hierfür geeignete Strassen und Wege geben. Wo ein Wille, da ist auch ein Hannah-Arendt-Weg.

  10. Ich finde die Umbenennung und vor allem die Begründung unsinnig.
    Alles Nationale zu ächten trägt selbstzerstörerische und selbstverachtende Züge. Auf diesem Gebiet war selbst die DDR vernünftiger indem sie zwischen gesunder Heimatliebe und fanatischen Nationalismus unterschied.
    Aber der heutige Zeitgeist ist geprägt von Selbstverleugnung und linkem Dogmatismus. Ich finde das sehr bedenklich.
    Man sollte den alten Namen so lassen, bzw. später, wenn es die Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat zulassen, wieder in Arndtstr. zurückbenennen.

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