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Hannah-Arendt-Straße statt Arndtstraße

Straßenschild der Arndtstraße in Leipzig.

Wird die Arndtstraße in der Südvorstadt in Hannah-Arendt-Straße umbenannt? Das fordert aktuell zumindest ein Stadtrat aus dem Leipziger Süden in einem offiziellen Antrag an die Stadtverwaltung. Über 120 Bürger haben sich außerdem bereits seit dem Sommer in einer Online-Petition für eine Umbenennung ausgesprochen.

*** UPDATE: Die Entscheidung ist inzwischen gefallen. Der Stadtrat hat für die Umbenennung gestimmt. ***

Thomas Kumbernuß, Stadtrat der PARTEI, hat die Umbenennung der Arndtstraße bei der Stadtverwaltung beantragt. In einer Vorlage vom 22. Oktober begründet Kumbernuß das Anliegen mit dem Wirken des Schriftstellers Ernst Moritz Arndt. Dies sei durch „antisemitische, rassistische, nationalistische, frankophobe und militaristische Tiraden gekennzeichnet“.

Weiter heißt es im Antrag von Thomas Kumbernuß: „Wie gesitteter stünde es der Stadt Leipzig, den schändlichen Namen der Arndtstraße einem Joch gleich abzulegen und statt dessen die Straße nach einer Frau zu benennen, deren Wirken der Aufklärung gewidmet war, Hannah Arendt, jüdische deutsch-amerikanische Historikerin und Publizistin!“

Zunächst berichtete die Leipziger Internet-Zeitung über den Antrag.

Petition eingereicht

Die Forderung nach einer Umbenennung ist indes nicht neu. Bereits im August startete eine entsprechende Online-Petition. Auch darin wird argumentiert, dass Ernst Moritz Arndt „bekennender Antisemit, Nationalist und frankophob“ gewesen sei. Deshalb hätten die Nationalsozialisten bundesweit zahlreiche Straßen und öffentliche Einrichtungen nach Arndt benannt. Die Stadt Leipzig solle die Straße daher umbenennen und ihr den Namen einer Frau geben – auch weil in der Südvorstadt bislang keine einzige Straße nach einer Frau benannt sei.

Blick in die Arndtstraße von der Karli aus in westlicher Richtung.
Blick in die Arndtstraße von der Karli aus in westlicher Richtung. (Foto: Karli.blog/Alexander Laboda)

Über 120 Menschen zeichneten die Petition bislang. Ebenfalls am 22. Oktober wurde sie als Schreiben an den Petitionsausschuss der Stadt übergeben, wie der Initiator Alexander John auf der Internetseite berichtet. In einem zitierten Antwortschreiben der Stadt heißt es: „Entsprechend der gültigen Geschäftsordnung wurde eine Überprüfung der Problematik im zuständigen Dezernat gefordert. Nach Vorliegen dieser Stellungnahme wird diese zunächst der Dienstberatung des Oberbürgermeisters zur Bestätigung als Verwaltungsmeinung und anschließend dem Petitionsausschuss zugeleitet. Mit einer Beschlussempfehlung übergibt der Petitionsausschuss danach die Petition dem Stadtrat zur abschließenden Entscheidung.“

„Abwertung des Anderen“

Eine Forderung auf Umbenennung der Arndtstraße ist also nun auf zweifache Weise bei der Stadt aktenkundig. Dabei fügten sowohl Thomas Kumbernuß als auch Alexander John Beispiele aus dem Werk des Schriftstellers Ernst Moritz Arndt an.

In der Petition wird auch der Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Hans-Jürgen Lüsebrink zitiert. Er schreibt über Arndt: „Arndts Diskurs über das Fremde, als dessen Verkörperung er die Franzosen ansah, ist geprägt von einer grundlegenden Abwertung des Anderen, das als Bedrohung gesehen wird, einer hiermit korrespondierenden Aufwertung des Eigenen, der eigenen Nation und Mentalität, und einer tendenziell negativen Einstellung gegenüber interkulturellen Beziehungen, die, so Arndts Vorstellung, das ‚Eigene‘ schwächen und seine Entfaltungsmöglichkeiten beeinträchtigen.“

Aufgrund der zweifelhaften Ansichten von Ernst Moritz Arndt beschloss in der Vergangenheit bereits die Universität Greifswald, sich von ihm als Namenspatron zu trennen. Die Universität beauftragte zu diesem Zweck sogar eine Namenskommission. Diese legte Pro- und Conta-Gutachten vor. Auch eine Kirchengemeinde in Berlin legte den Namen nach Diskussionen ab.

Arndtstraße einst Alleestraße

Die Umbenennung von Straßen und Plätzen im Zuge eines Wandels der Erinnerungskultur ist übrigens nichts Ungewöhnliches. Die August-Bebel-Straße war einst die Kaiser-Wilhelm-Straße. Die Karl-Liebknecht-Straße hieß früher Südstraße und danach Adolf-Hitler-Straße. Und die Arndtstraße trug bis 1870 den Namen Alleestraße.

2 Kommentare zu “Hannah-Arendt-Straße statt Arndtstraße

  1. Diane Hentschel

    Ups, danke für die Information. Ich wohne in der Arndtstr., hatte mir jedoch noch nie Gedanken gemacht, warum die Straße so heißst. Ich unterstütze den Vorschlag die Straße in Hannah- Arendt- Straße umzubenennen, da ich diese Frau sehr bewundere.
    Kann ich noch etwas machen? Die Pedition ist leider an mir vorbeigegangen

  2. Antishapetheworld

    Ich gebe eigentlich nur ungern meinen Senf zu bestimmten Themen. Da ich allerdings Anwohner dieser Straße bin, muss ich doch meinen Unmut darüber preisgeben.

    Es gibt ein paar Dinge die mich sehr an der Namensänderung stören:

    1. Ich finde es einfach ein Unding, dass man eine Petition startet, zu einem Thema das mehr als nur einen bestimmten Kreis von Wissenden betrifft, dies aber nicht für alle zugänglich macht. Ich glaube den wenigsten war bekannt, dass es eine solche Petition gab. Es kann auch nicht sein, dass der Stadtrat anhand einer 140 Stimmen Petition einfach mal beschließt (übrigens nicht weit vor der OB-Wahl) den Namen einer Straße zu ändern. Es sollten im Vorfeld alle Anwohner dazu befragt werden und ein gemeinsames Pro & Kontra aufgezeigt werden bevor man mit einem solchen Wunsch vor den Stadtrat tritt. Das gab es meines Wissens nach nicht und ich finde es einfach nur traurig, wie die Menschen in dieser Stadt agieren. Es ist wirklich so undemokratisch, wenn quasi 90% der Arndtstraße nichts von dieser Petition wusste.

    2. Wie verrückt sind wir denn eigentlich geworden? Klar war der Herr Arndt eine Persönlichkeit seiner Zeit der Antisemitismus propagierte und auch in vielen seiner Schriften zum Ausdruck brachte. Aber er war eben auch kein Massenmörder wie viele andere später. Ich meine zur Zeit in der Arndt lebte waren wohl fast alle Menschen antisemitisch oder fremdenfeindlich. Ich bin mir sicher, dass man auch über Goethe und Schiller Schriften findet, die einen veranlassen würden selbiges zu tun. Es ist aber eben wirklich stark übertrieben, 200 Jahre in die Vergangenheit zu geben, zu einer Zeit wo alles komplett anders war als heute und dann einfach zu sagen „Oh der war aber böse und der auch …“, fangen wir irgendwann an auch den Begriff Neandertaler zu verbieten, weil dieser seiner Zeit Tiere umbrachte. Klar der Vergleich ist schlecht, aber da werden wir irgendwann hinkommen. Ich denke es sollte auch Grenzen geben. Mir wäre ein Ernst Moritz Arndt heutzutage auch nicht lieb, ich mag Antisemiten nicht und auch Fremdenhass verabscheue ich. Aber ich denke, es geht einfach zu weit.

    3. Den unnötigen Aufwand, den alle Bewohner der Arndtstraße jetzt haben und die Kosten für die Stadt. Es ist ja wenn man so drüber nachdenkt, nicht nur der Personalausweis der geändert werden muss (Ich hoffe die Stadt kommt dafür auf, da sie dem zugestimmt hat.) sondern auch alle anderen Bereiche, wie personenbezogene Daten die man bei der Bank und Krankenkasse ändern lassen muss.

    4. Ich wohne nun mittlerweile 10 Jahre auf dieser Straße und ich verbinde den Namen nun mal leider auch mit dem Begriff „Zuhause“. Durch die Änderung des Namens nehmen mir die Verfasser der Petition und der Stadtrat nun ein Stück weit mein Zuhause weg. Ich bin mir sicher, dass es noch viele andere gibt die so denken und auch nichts von dieser Entscheidung wussten.

    Ich bin mehr und mehr enttäuscht von den Menschen die hier leben. In meinen Augen ist übertriebener Aktionismus nicht der richtige Weg zur Lösung.

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