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Horst Riedel: Das Gedächtnis der Südvorstadt

Der Heimatforscher Horst Riedel.

Eine „hübsche Sächsin“ lockte Horst Riedel nach eigener Aussage vor über 45 Jahren aus seiner Geburtsstadt Berlin nach Leipzig. Ein Glück für all jene, die sich für Lokalgeschichte interessieren. Der 84-Jährige erforscht seit Jahrzehnten die Historie seiner Wahlheimat Leipzig. Zur Südvorstadt verfasste er ein eigenes Lexikon. Im Interview erzählt Horst Riedel, wie der Stadtteil entstand, wer früher in den Gründerzeithäusern im Leipziger Süden wohnte und was ihn an der Geschichtsforschung fasziniert.

Nein, den Preußen hat Horst Riedel nie ganz abgelegt. Dies zeigt schon ein Blick ins Arbeitszimmer des pensionierten Lehrers. Wer hier ein schöpferisches Chaos erwartet, wie bei anderen Forschern üblich, wird enttäuscht. Auf dem Schreibtisch sind wenige Unterlagen und ein Laptop akkurat angeordnet, auf der anderen Seite des Raumes stehen zwei Regale mit unzähligen Aktenordnern. Zwischen den bunten Deckeln ist die Geschichte Leipzigs und mithin der Südvorstadt fein säuberlich nach Stichworten abgeheftet. „Pünktlichkeit, Ordnung und Exaktheit sind für mich Prämissen“, sagt Riedel bei der Führung durch seinen privaten Arbeitsbereich. Beim folgenden Gespräch zeigt sich: In Riedels Gedächtnis sind die Stichworte ähnlich exakt abgespeichert.

Frage: Herr Riedel, noch Mitte des 19. Jahrhunderts war die Südvorstadt weitgehend unbebaut. Wie muss man sich die Umgebung zu der Zeit vorstellen?

Horst Riedel: Das Gebiet bestand weitgehend aus grünen Wiesen und Äckern. In der heutigen Mahlmannstraße gab es einen Gutsbereich mit dem Brandvorwerk, der auch Ausspannhöfe hatte. Wer mit dem Fuhrwerk nach Leipzig kam, ist dort erstmal abgestiegen. Es gab auch eine Mühle mit einer großen Bäckerei. Aber das war so ziemlich die einzige besiedelte Fläche.

„Der Bau der Südvorstadt war ein typisches Leipziger Projekt“

Wann entstand die Südvorstadt wie wir sie heute kennen?

Ab 1866 wurde die Südvorstadt quasi am Reißbrett entworfen. Und zwar ausgehend von den beiden Radialstraßen, der damaligen Kaiser-Wilhelm-Straße und der Südstraße. Heute sind dies die August-Bebel-Straße und die Karl-Liebknecht-Straße. Von diesen Magistralen wurden von links nach rechts weitere Straßen angelegt.

Leipziger Südplatz um 1910
Blick über den Südplatz in Richtung Kochstraße um 1919. Bild abfotografiert aus: „Südvorstadt – ein Leipziger Stadtteilexikon“

Selbst für heutige Verhältnisse ist das ein riesiges Vorhaben. Waren solche Großprojekte damals üblich?

In Leipzig auf jeden Fall. Die Bevölkerung nahm in der Stadt immer wieder rasant zu, sodass man mit solchen Erweiterungen Wohnungsnot verhindern wollte. Von der Gesamtanlage her, also mit diesen schnurgeraden Straßen, war der Bau der Südvorstadt ein typisches Leipziger Projekt. Viele andere Städte haben außen rum alles Mögliche kreuz und quer gebaut.

Wer waren die ersten Bewohner der neuen Häuser?

In den Hinterhöfen haben sich vor allem Handwerker niedergelassen. Darunter waren sehr viele Gewerke der Buchherstellung, zum Beispiel Drucker, Buchbindereien, Gravieranstalten. Außerdem gab es auch Berufe wie Stohhutpresser oder Lohnkutscher. Da sich in der Südvorstadt zudem die Gerichte angesiedelt haben – erst das Amtsgericht, dann das Landgericht und dann das Reichsgericht – zogen Gerichtsdiener oder Rechtsanwälte in die Gründerzeithäuser der Südvorstadt.

Machen wir einen großen zeitlichen Sprung: Wieso blieben in der Südvorstadt während des Zweiten Weltkriegs so viele dieser Gründerzeitbauten erhalten, obwohl beispielsweise in der nahen Innenstadt 60 bis 80 Prozent der Substanz vernichtet wurden?

Primäre Angriffsziele waren Produktionsstätten der Rüstungsindustrie, also in Schönefeld zum Beispiel die HASAG-Werke, oder die Verkehrsinfrastruktur, etwa der Güterbahnhof in Engelsdorf. Im Süden gab es eine Einflugschneise, die an der heutigen Arthur-Hoffmann-Straße verlief. Dort ist alles zerstört worden, auch der Bayerische Bahnhof, die Windmühlenstraße, der Roßplatz sowie der heutige Wilhelm-Leuschner-Platz. Die weiteren Gebiete der Südvorstadt sind tatsächlich weitgehend verschont geblieben. Dort gab es nur einzelne Bombenabwürfe.

Was hat die die Südvorstadt in der DDR als Stadtteil ausgemacht?

Es gab keine wesentlichen Erneuerungen mehr, keine Sanierungen. Die Häuser verfielen langsam. Ein ziemliches grau in grau. Insgesamt war es kein attraktives Wohnumfeld mehr. Die Menschen wollten dann lieber in die Neubaugebiete außerhalb, zum Beispiel nach Grünau oder Paunsdorf. Hier blieb, wer nicht viel Geld hatte oder nicht privilegiert war.

„Ich mache das, um einen Halt für mich persönlich zu haben und damit ich geistig nicht einschlafe“

Das hat sich heute gedreht. Die Südvorstadt gehört zu den begehrtesten Lagen. Überall entstehen gerade neue, vor allem hochpreisige Wohnungen. Wie sehen sie diese Entwicklung als alteingesessener Bewohner?

Dieser Stadtteil wird komplett zugebaut. Überall, wo noch eine Lücke ist, wird ein Haus hingesetzt. Mir gefällt das nicht. Ich würde mir mehr Grünflächen wünschen, mal ein Stück Rasenfläche mit einer Bank oder so etwas.

Sie verbringen unheimlich viel Zeit mit der Heimatforschung. Was fasziniert Sie daran so sehr?

Ich war ja auch Geschichtslehrer. Insofern kommt das Interesse schon aus dieser Berufung heraus. Und dann mache ich das auch, um einen Halt für mich persönlich zu haben und damit ich geistig nicht einschlafe. Ich mache das alles ehrenamtlich und bekomme keine Honorare.

Mit welchen Stichworten in ihrem Südvorstadt-Lexikon haben Sie sich besonders gerne befasst?

Naja, zum Beispiel mit den beiden großen Straßen. Bei der Karli, die jetzt im Frühjahr und Sommer voller Menschen ist, hat mich die historische Entwicklung der vielen Geschäfte interessiert. Oder denken wir an die August-Bebel-Straße, die ja die prachtvollste Straße im Stadtteil ist und eine große Bedeutung in der Historie gehabt hat. Alle Häuser dort haben übrigens früher auch noch schmiedeeiserne Tore gehabt. Die Tore wurden erst in der Nazizeit für die Rüstung abgebaut. Das wurde dummerweise in der DDR fortgesetzt.

Kaiser-Wilhelm-Straße in Leipzig um 1914.
Die Kaiser-Wilhelm-Straße um 1914 auf einer alten Ansichtskarte. Der Blick geht von der Ecke Steinstraße Richtung Norden. Abfotografiert aus: „Südvorstadt – ein Leipziger Ortsteil auf alten Ansichtskarten“ von Oswald Müller und Thomas Nabert.

Auch mit den Künstlern, die hier wohnen, habe ich mich gerne beschäftigt. In der Karl-Liebknecht-Straße wohnt zum Beispiel Andreas Reimann, einer der bedeutendsten deutschen Lyriker. In der Riemannstraße wohnt der Autor Henner Kotte, der Krimis schreibt und auch Stadtführungen macht. Das sind die beiden Pole in der Literatur hier vor Ort. Dann wohnt hier etwa noch der Jazz-Pianist Stephan König zusammen mit der Malerin Christl Maria Göthner. In direkter Nähe lebt der Kabarettist Bernd-Lutz Lange. Ich war bei all diesen Menschen zu Gast für die Recherche. Das war sehr schön und interessant.

Bücher von Horst Riedel
Horst Riedels gesammelte Werke. Foto: Karli.blog/Alexander Laboda

Das Buch „Südvorstadt – Ein Leipziger Stadtteillexikon“ von Horst Riedel wurde herausgegeben vom Verein Pro Leipzig. Zum Preis von 17 Euro kann es im Webshop des Vereins bestellt werden. ISBN: 978-3-945027-21-9

Weitere Bücher von Horst Riedel:

  • „Stadtlexikon Leipzig von A bis Z – 1000 Jahre Leipzig in 2400 Stichworten und 1200 Bildern“, herausgegeben von Pro Leipzig, 2. völlig überarbeitete und erweiterte Auflage, 2012, ISBN 978-3-936508-82-6
  • Erst im Oktober 2017: „Plagwitz – ein Leipziger Stadtteilexikon“, herausgegeben von Pro Leipzig, ISBN 978-3945027257

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