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Graffiti im Leipziger Süden: „Hopfen und Malz verloren“

An einer Hauswand in der Leipziger Südvorstadt steht das Wort Rotfront.

An keinem anderen Ort in Sachsen werden so viele illegale Graffiti gesprüht wie im Leipziger Süden. Hauseigentümer haben resigniert, Reinigungsfirmen arbeiten unter Polizeischutz und die präventiven Maßnahmen der Stadt scheitern an fehlendem Geld. 

Enrico Bosse kämpft sprichwörtlich gegen Windmühlen. Der Geschäftsführer der Firma HOMEX fährt an Arbeitstagen bis zu zehn Baustellen in Leipzig an, um Graffiti zu entfernen. Sehr oft führt sein Weg in den Leipziger Süden, nach Connewitz und immer häufiger auch in die Südvorstadt. Bosse bestätigt, was viele Gewerbetreibende und Anwohner dort subjektiv empfinden: Die Probleme haben zugenommen. In Connewitz sei inzwischen „Hopfen und Malz verloren“. Die Südvorstadt entwickle sich für seine Firma mit „zum Schwerpunkt Nummer eins“. Dem Handwerker fallen sofort konkrete Beispiele ein:

„In der Bernhard-Göring-Straße haben wir bei einem Objekt einen Wartungsvertrag. Momentan sind wir jede Woche dort. Das war vor einem Jahr noch nicht so.“

Die Szene ist nach Bosses Beobachtung in den vergangenen Jahren radikaler und aggressiver geworden. „An manchen Objekten können wir nur mit privatem Wachschutz oder mit Schutz der Polizei arbeiten, weil es verbale Drohungen und auch Angriffe auf unsere Autos gibt.“ An solchen Orten gehe es häufig um politische Schmierereien. Als Beispiele nennt Bosse die Schule in der Arno-Nitzsche-Straße und Neubauten, die inzwischen ganztägig überwacht werden müssten. Welche Blüten dies zuweilen treibt, zeigt das Beispiel um das „No Cops“-Graffito am Connewitzer Kreuz. Polizei und Sprayer spielen dort Katz und Maus, worüber kürzlich wieder LVZ und LIZ sowie überregionale Medien wie der „Stern“ berichteten.

An einer Wand ist die Zahl 1803 und die Worte "Nazis jagen" zu lesen.
Extremistisches Graffito in der Südvorstadt. (Foto: Karli.blog/Alexander Laboda)

Kampfparolen gegen Gentrifizierung

Den Zusammenhang zwischen Schmierereien und politischem Extremismus sieht auch die Polizei als Faktor für die hohe Graffiti-Dichte in Connewitz und der Südvorstadt. Sprecher Andreas Loepki erklärt: „Neben der allerorten ‚normalen‘ Sprayerszene tummeln sich hier vorzugsweise Personen des linkspolitischen, extremistischen und autonomen Lagers, die ‚ihren Kiez‘ massiv mit Kampfparolen und Ansagen zu markieren suchen.“ Das Vorgehen sei gezielt darauf ausgerichtet, die Stadtteile dreckig zu halten, um Investoren abzuschrecken – Stichwort Gentrifizierung.

Weder die Zunahme illegaler Graffiti noch der Anteil politisch motivierter Wandmalereien können jedoch mit Zahlen belegt werden. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) spiegelt einzelne Delikte lediglich auf Ebene von Gemeinden wider, um „bewusst eine Stigmatisierung einzelner Ortsteile und Stadtviertel“ zu unterbinden, sagt Andreas Loepki. Es gibt zwar den Kriminalitätsatlas des Landeskriminalamtes mit Angaben für einzelne Stadtteile, etwa auch für die Südvorstadt. Doch diese Statistik gibt Gruppen von Straftaten an und keine einzelnen Deliktarten.

Graffiti in der Südvorstadt

Hohe Dunkelziffer

Um das Ausmaß des Graffit-Problems zu beziffern, stehen daher nur PKS-Zahlen für die ganze Stadt zur Verfügung. Demnach gab es in Leipzig 2017 rund 2.650 Sachbeschädigungen durch Graffiti. Die Aufklärungsquote lag bei knapp 19 Prozent. Die Dunkelziffer ist hoch. Die Polizei wisse aus Rückmeldungen von Bürgern, dass einige schlicht resigniert hätten, berichtet Polizeisprecher Loepki:

„Gerade in Connewitz und in der Südvorstadt  macht die Beseitigung eines Graffito wenig Sinn,  da binnen Kürze ein Neues vorhanden ist.“

Eigentümer und Geschädigte beseitigten die Schmierereien mitunter nicht mehr und brächten diese auch nicht zur Anzeige.

Graffiti-Prävention gescheitert?

Die Daten der Polizei zeigen außerdem, dass die Zahl der Sachbeschädigungen durch Graffiti seit Jahren konstant hoch ist. Als die Stadt Leipzig im Dezember 2013 auf einer Sicherheitskonferenz die Neuausrichtung der Graffiti-Prävention beschloss, lagen die Fallzahlen auf vergleichbarem Niveau wie heute. Rund 2.400 Sachbeschädigungen pro Jahr veranlassten  die Verwaltung damals, die eigene Politik zu überdenken. Wie kann es sein, dass es seitdem keinen Rückgang gibt? Ist das Präventionskonzept gescheitert, das eine Zusammenarbeit mit der legalen Graffiti-Szene vorsieht?

Sascha Kittel leitet die von der Stadt geförderte „Koordinierungsstelle Graffiti in Leipzig“, die beim Leipziger Graffitiverein angesiedelt ist. Er weist diesen Vorwurf zurück. Stattdessen berichtet er von langwierigeren Prozessen in der Stadtverwaltung und fehlenden finanziellen Mitteln. Kittel sagt: „Es ist das eine, wenn man die Politik mit einem Beschluss völlig neu ausrichtet und etwas anderes, das dann auch in die Tat umsetzen. Nach 2013 gab es viel Überzeugungsarbeit zu leisten und das dauert zum Teil bis heute an.“ Außerdem seien an dem Thema viele Stellen beteiligt, was schnelle Entscheidungen erschwere.

Der schleppende Fortschritt lässt sich anhand offizieller Verlautbarungen nachvollziehen. So nahm die Koordinierungsstelle von Sascha Kittel erst Ende 2015 ihre Arbeit auf – zwei Jahre nach der Sicherheitskonferenz. Innerhalb von nur sechs Monaten habe ein konkretes Konzept für die Präventionsarbeit gestanden, erzählt Sacha Kittel. Aber wiederum erst ein Jahr später, im Juni 2017, gab die Stadt die erste große Fläche an der Antonienbrücke zum legalen Sprühen frei. „Aktuell sind wir in einer Phase, wo die Verwaltung merkt, dass es auch Geld kostet, wenn man Prävention betreiben will. Ein Sozialpädagoge muss bezahlt werden und braucht auch Material“, sagt Kittel.

Ein Graffito, das unter anderem eine Frau zeigt, die ein Schild mit der Aufschrift "I love Graffiti" hochhält.
Legales Graffito des Leipziger Graffitivereins in der Nähe der Prager Straße. (Foto: Karli.blog/Alexander Laboda)

Legale Flächen gesucht

Laut des Graffiti-Koordinators gibt es jedoch auch erste Erfolge. „Hier muss man zum Beispiel die LWB, die Deutsche Bahn oder die Leipziger Gruppe lobend erwähnen, die in den letzten ein, zwei Jahren immer häufiger Flächen für legale Graffiti anbieten. Da läuft die Zusammenarbeit gut“, erklärt Kittel. Es müssten sich jedoch noch mehr private Unternehmen finden, die Flächen anbieten und dort auch freie Gestaltungen zulassen.

Legale Sprayer-Flächen seien – das zeigten jahrzehntelange Erfahrungen aus anderen Kommunen – noch immer die beste Präventionsmaßnahme, erklärt Sascha Kittel:

„Jede an eine legale Wand gesprühte Dose, kann anderswo nicht noch einmal benutzt werden.“

Das Budget für die Farben sei gerade bei jugendlichen Sprayern beschränkt.

Bestandteil der Popkultur

Dass es allzu schnell deutlich weniger Schmierereien gibt, glaubt derweil niemand, der sich mit der Szene auskennt. „Das Sprühen von Graffiti ist nach wie vor ein integraler Bestandteil der Musik- und Popkultur, findet sich permanent im Sichtfeld von Jugendlichen und prägt daher auch nach wie vor die hiesige Jugendkultur merklich mit“, erklärt Polizeisprecher Andreas Loepki. Seine Antwort auf die Frage, ob Leipzig mit den Bemühungen bei der Graffiti-Bekämpfung gescheitert ist: „Die nicht mit Messgrößen zu beantwortende Frage muss eigentlich lauten, wo wir heute stünden, wenn es das Konzept zur Graffiti-Prävention nicht gegeben hätte.“

1 Kommentar zu “Graffiti im Leipziger Süden: „Hopfen und Malz verloren“

  1. Graffiti gehören zum Stadtbild, darauf wird man sich einlassen müssen/können, wenn man in lebendigen Stadtvierteln wohnt. Leider sind 99% der Graffiti weder künstlerisch wertvoll noch haben sie eine politische Aussage, sondern sind lediglich das, was man bei Hunden Duftmarken nennt – irgendwelche Buchstabengruppen (Tags), die nur für Insider lesbar sind, und zeigen sollen „ich war da“, „das ist mein Revier“ oder ähnliches. Mut gehört jedenfalls nicht dazu, diese tags zu platzieren.
    Der beste Weg, dem vorzubeugen, wäre, wenn viele Hausbesitzer die unteren Wände für legale Graffiti frei geben oder im Stile Daniel Richters bemalen lassen würden – dann verschwinden die tags in der Farbenpracht.

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