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Gesine Märtens: „Wir kämpfen um jeden Straßenbaum!“

Gesine Märtens

Mehr Bäume, begrünte Fassaden und größere Grünflächen – Gesine Märtens möchte der Natur im Leipziger Süden mehr Raum geben. Die Grünen-Politikerin will Grundstücke zudem nur noch an Eigentümer verpachten, die ein gemeinwohlorientiertes Konzept vorlegen. Teil sechs des Karli.blog-Kandidatenchecks zur Kommunalwahl.

Der Countdown zur Leipziger Stadtratswahl am 26. Mai läuft. Doch wer tritt im südlichen Wahlkreis 4 an, zu dem unter anderem die Südvorstadt und Connewitz gehören? Und wofür wollen sich die Parteien und Politiker einsetzen? Der Karli.blog hat die Kandidatinnen und Kandidaten der im Stadtrat vertretenen Parteien angeschrieben und sie nach ihren Vorhaben und Positionen befragt. Im sechsten Teil steht Gesine Märtens, Spitzenkandidatin der Grünen, Rede und Antwort.

Frage: Wie wollen Sie das Leben der Menschen im Leipziger Süden in den kommenden Jahren konkret verbessern, falls Sie gewählt werden?

Gesine Märtens: Der Leipziger Süden ist schön und lebenswert. Und das soll so bleiben. Das Klima eines weltoffenen und vielfältigen Stadtteils erhalten wir, indem wir für Initiativen und Vereine, die unseren Zusammenhalt stärken, konkrete und finanzielle Räume öffnen und unsere Südkultur erhalten. Wie jedes Jahr beantragt die AFD die Streichung der Mittel für das Conne IsIand und das Werk 2, wie jedes Jahr wird die CDU dem zustimmen. Und wie jedes Jahr wird es auf uns ankommen, diese Orte zu erhalten.

Vielfalt, Weltoffenheit und ein gutes Miteinander brauchen einen entschiedenen Kampf gegen die Verdrängung durch Mietwucher. Wir müssen dafür sorgen, dass genügend preiswerte Wohnungen in unseren Stadtvierteln erhalten oder neugebaut werden. Wo grüne Brachen verschwinden, müssen bestehenden Grünflächen kompakter werden, damit die Stadttiere geschützte Lebensräume finden. Straßenbäume verbessern unser Mikroklima im Sommer. In den kommenden fünf Jahren müssen wir ein integriertes Verkehrskonzepte für den Leipziger Süden entwickeln. Dazu gehört der Lückenschluss des Fahrradweges zwischen August Bebel Straße und Innenstadtring ebenso, wie die Weiterentwicklung der großen Magistralen Arthur-Hoffmann-Straße, Bernhard-Göring-Straße und Karl-Liebknecht-Straße.

„Wir setzen uns dafür ein, dass die Stadt und die LWB Häuser und Grundstücke nur noch mit Konzeptvergabe und an gemeinwohlorientierte Wohnungseigentümer in Erbpacht abgeben.“

In der Südvorstadt stiegen die Mieten in den vergangenen Jahren kräftig. Was würden Sie tun, damit Wohnen in der Stadt bezahlbar bleibt?

Auf Stadtebene müssen wir einen Mix aus sozialen Erhaltungsatzungen und sozialen Wohnungsbau auch für den Süden anschieben. Gleichzeitig brauchen wir eine funktionierende Mietpreisbremse im Land und im Bund. Wir setzen uns dafür ein, dass die Stadt und die LWB Häuser und Grundstücke nur noch mit Konzeptvergabe und an gemeinwohlorientierte Wohnungseigentümer in Erbpacht abgeben.

Gleichzeitig brauchen wir im ganzen Land eine funktionierende Mietpreisbremse und bessere Kontrollen der Eigentümer. Die wichtige energetische Sanierung der Häuser darf nicht zum Schlupfloch für verdrängende Luxussanierungen werden.

Wie bewerten Sie den Vorschlag des Jugendparlaments, die Karl-Liebknecht-Straße zu einer Fahrradstraße umzuwidmen?

Das Jugendparlament macht einen richtigen, wenn auch sehr zögerlichen Schritt. Die Einrichtung einer Gemeinschaftsstraße auf den 600 Metern zwischen Dimitroff- und Emilienstraße in einem einzigen Straßenabschnitt im Stadtteil Mitte kann nur ein Anfang sein.

Für den Leipziger Süden, brauchen wir ein Verkehrskonzept unter Einbeziehung der vier großen Magistralen. Grundsätzlich favorisieren wir die Einrichtung von Gemeinschaftsstraßen, die alle Verkehrsteilnehmer*innen den Raum gleichberechtigt nutzen lässt. Auf der Karli im Süden könnten wir zwischen Kurt-Eisner- und Richard-Lehmann-Straße damit beginnen.

„Wenn wir die Angebote des ÖPNV verbessern, Care-Sharing stärken und sicheres Radfahren ermöglichen, brauchen wir nicht mehr so viele private Pkw.“

Vergangenes Jahr hat die Stadt in der Südvorstadt neue Straßenbäume gepflanzt. Daran gab es auch Kritik, weil Pkw-Stellplätze wegfielen. Soll die Stadt in Zukunft weitere Straßenbäume pflanzen, auch wenn dadurch Stellflächen verschwinden?

Na klar! Wir kämpfen um jeden Straßenbaum! Schließlich sitzen wir alle am Ende lieber im Schatten eines Baumes als im Schatten eines Autos, oder? Die Straßenbäume sind entscheidend für unserer Mikroklima, die Luftqualität und auch für die Aufenthaltsqualität im Alltag. Wenn wir die Angebote des ÖPNV verbessern, Care-Sharing-Angebote stärken und sicheres Radfahren ermöglichen, brauchen wir nicht mehr so viele private Pkw. Dann reichen die Parkplätze langfristig für diejenigen, die wegen ihrer Mobilitätseinschränkungen ihr Auto wirklich vor der Haustür haben müssen.

Der Verein Haus Steinstraße verlässt mittelfristig die Südvorstadt. Das Haus gehört der Stadt. Was soll mit der Liegenschaft passieren?

Ich begleite die Entwicklung des Haus Steinstraße schon lange als Vereinsmitglied, einige Jahre sogar als Vorständin. Der Schritt in eine neue barrierefreie Immobilie ist konsequent und ich befürworte ihn. Die Stadt sollte auf jeden Fall einen Ideenwettbewerb für die Nachnutzug ausloben. Leider ist das Gebäude nicht wirklich geeignet, um moderne Gemeinschaftseinrichtungen zu beherbergen. Eine weitere Möglichkeit wäre es, das Gebäude einer anderen Nutzung zuzuführen und die freiwerdenden Mittel in den Neuerwerb barrierefreier Räume oder die Erweiterung anderer Zentren, zum Beispiel der Nato zu stecken.

„Stellen Sie sich vor, alle Häuser im Süden wären drei Meter hoch begrünt. Wir würden ununterbrochen durch einen Garten laufen.“

Viele Menschen ärgern sich über die vielen illegalen Graffiti und Schmierereien im Leipziger Süden. Halten Sie das ebenfalls für ein Problem und falls ja, was soll dagegen unternommen werden?

Graffiti und das, was Sie „Schmierereien“ nennen, sind Ausdrucksmittel einer bestimmten Altersgruppe. Manchmal ist es sogar Kunst. Graffitis sind politische und künstlerischen Botschaften und der einfache Wunsch nach Mitgestaltung des öffentlichen Raums. Auch wenn ich nicht jede Form schätze, beeindruckt mich die Energie der Szene und den Willen sich einzumischen und zu gestalten.

Wir müssen uns mit den politischen Botschaften beschäftigen und mehr Raum für legalen Verwirklichung von Kunst im öffentlichen Raum finden. Das die Stadt hier immer wieder zu wenig Mittel bereit stellt, ist erbärmlich.

Das beste Mittel gegen Graffiti ist übrigens eine ökologische Fassadenbegrünung. Wo Wein und Efeu wächst, da wird nicht gesprüht. Stellen Sie sich vor, alle Häuser im Süden wären drei Meter hoch begrünt. Wir würden ununterbrochen durch einen Garten laufen. Hilfe und Anleitung gibt es beim Ökolöwen im Programm „Kletterfix“.

Außerhalb des Zentrums gibt es nirgends so viele Einzelhändler wie im Zentrum-Süd und der Südvorstadt. Wie wollen Sie die Händler aus dem Stadtrat heraus unterstützen?

Die einzelnen Stadtteile im Leipziger Süden sind da in Punkto Einzelhandel sehr unterschiedlich aufgestellt. Die beste Unterstützung für lokale Einzelhändler*innen ist ein öffentlicher Raum, in dem die Bewohner*innen und ihre Gäste gern und sicher zu Fuß, mit dem Rad und mit Bahn ihre Einkäufe erledigen können, das heißt breite Fußwege, Radwege und ein dichtes Haltestellennetz. Gleichzeitig müssen wir über die Ansiedlung von weiteren Groß- und Billigmärkten sehr sorgfältig beraten.

Es ist gut, wenn die Händler*innen und Gastronom*innen sich zusammenschließen. Der Verein CITY Leipzig macht für Innenstadt Leipzig vor, wie es geht. Die IG Karli hat für den Leipziger Süden gezeigt, dass auch hier Händler*innen und Gewerbetreibenden gemeinsam viel erreicht haben.

Wenn Sie im Stadtrat sofort drei Maßnahmen oder Vorhaben umsetzen könnten, welche wären das?

(1) Die vollständige und umfassende Sanierung der Connewitzer Grundschule, weil das jetzt einfach mal gemacht werden muss.
(2) Der Umbau der Bernhard-Göring-Straße zur Gemeinschaftsstraße und die Erhöhung der Aufenthaltsqualität auf dem Albrecht-Dürer-Platz, weil wir in diesem Teil der Südvorstadt ein grünes soziales Zentrum brauchen.
(3) Das konsequente Verbot sexistischer und diskriminierende Werbung in ganz Leipzig. Wir dürfen nicht länger zulassen, dass überlebte Geschlechterverhältnisse im öffentlichen Raum reproduziert werden.

Das sagen andere Kandidaten:

Rudi Ascherl (FDP): „Vieles muss komplett neu gedacht werden“
Juliane Nagel (Linke): „Milieuschutz zuerst für Connewitz, dann für die Südvorstadt
Karsten Albrecht (CDU): „Baumaßnahmen in Leipzig dauern zu lange
Christopher Zenker (SPD): „Verkehrswende in Leipzig rasch realisieren
Roland Ulbrich (AfD): „Tanz und Theater sind keine zu subventionierenden Aufgaben“
Anna-Juliane Hubert (Piratenpartei): „Der Süden ist in vielen Fällen Vorbild“

Quelle des Titelfotos: Gesine Märtens

1 Kommentar zu “Gesine Märtens: „Wir kämpfen um jeden Straßenbaum!“

  1. Ach ja? Eine euerer Spitzenkadidat*innen wohnt mit in meinem Haus und die einzigen Bäume die hier heute noch stehen, stehen in meinem Garten. Das andere Dutzend würde das Pflaster beschädigen hieß es. So wurde aus einer grünen Oase in der Südvorstadt ein grauer Steingarten. Hut ab!

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