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Und sie löffeln immer noch – die Geschichte der Löffelfamilie in Leipzig

Leuchtende Löffelfamilie in Leipzig

Die Löffelfamilie gehört zur Leipziger Südvorstadt wie das Brandenburger Tor zu Berlin oder der Dom nach Köln. Die Löffelfamilie sieht aber nicht nur schön aus, sie hat auch eine sehr interessante Geschichte. Wenig bekannt dürfte etwa sein, dass die Familie nach den ursprünglichen Plänen fünf Mitglieder haben sollte. Gastautorin Manja Reinhardt hat umfassend zur Geschichte der Neonreklame recherchiert – und kennt weitere spannende Fakten.

Zeichen eines leistungsfähigen Sozialismus

Im Gegensatz zu vielen anderen Städten im Osten des Landes war Leipzig eine wahre Stadt des Lichts. Zahlreiche Neonreklamen sollten besonders die zahlreichen ausländischen Messegäste vom funktionierenden und leistungsfähigen Sozialismus überzeugen. Überall in der Innenstadt oder an den großen Ausfallstraßen prangten die Leuchtreklamen an den Häuserwänden und warben für die unterschiedlichsten Konsumgüter oder Firmen. Allerdings war es keine Werbung im herkömmlichen Sinne, denn sie sollte nicht zum Konsum anregen. Die Leuchtwerbung sollte repräsentativ und ästhetisch sein. Sie brachten Aufmerksamkeit. Viele der aufwendigen Leuchtreklamen haben die Wendezeit leider nicht überlebt. Umso schöner, dass eine der schönsten Neonreklamen in Leipzig – die Löffelfamilie immer noch täglich ihre Suppe farbenfroh löffelt.

Die Löffelfamilie bei Tage.
Die Löffelfamilie bei Tage.

Löffelfamilie strahlte erstmals 1975

Seit 1975 erstrahlt die Löffelfamilie jeden Abend im Süden von Leipzig am ehemaligen VEB Feinkost Leipzig. Ihr Standort ist die Karl-Liebknecht-Straße 36/Ecke Shakespearestraße. Wie kein anderer Ort in der Südvorstadt steht sie für das bunte Leben auf der Karli, wie die Karl-Liebknecht-Straße liebevoll von den Leipzigern genannt wird.

Den Auftrag für den Entwurf erhielten 1974 die Grafiker Theo Hesselbarth (1938-2006) und Jürgen Mau (1941-2015). Ihr Büro hatten sie im Leipziger Norden in der Menckestraße. Von dort aus entstanden unter dem Namen der 1967 von ihnen gegründeten Künstlergruppe „Unda“ zahlreiche Neonwerbungen in Leipzig, die prägend für die Stadt waren. Unter anderem stammt von den beiden Künstlern der Schriftzug „Willkommen in Leipzig“, der in verschiedenen Sprachen die Gäste begrüßt sowie das Konterfei von Goethe mit dem Ausspruch „Mein Leipzig lob ich mir“ – das Zitat, das Goethe Faust sagen lässt. Beide leuchten seit 2017 wieder unweit des Bahnhofes. Ihre wohl berühmteste Arbeit ist die Löffelfamilie. Geworben wird für die Produkte des VEB Feinkost – Obst- und Gemüsekonserven, tischfertige Gerichte und doppelt konzentrierte Suppen. So steht es seit Anbeginn unter der Löffelfamilie.

Ursprünglich fünf Familienmitglieder

Schon die Größe der Löffelfamilie ist beachtlich. Sie bringt es auf eine Breite von 12 Metern und eine Höhe von sieben Metern. Es wurden unglaubliche 197 Einzelteile verbaut und das Glasrohr erreicht eine Länge von fast 200 Metern. Die Löffelfamilie begeistert mit ihrem bunt leuchtenden Alltagssujet. Mutter, Vater und zwei Kinder sitzen am Tisch und löffeln genüsslich ihre Dosensuppe im Takt. In einer ersten Entwurfskizze, die Jürgen Mau 2013 dem Verein Löffelfamilie e.V. übergeben hat, gab es noch fünf Familienmitglieder. Bei der letztendlichen Umsetzung nehmen vier Familienmitglieder am Tisch Platz. Ursprünglich war außerdem eine realistischer wirkende mehrphasige Löffelfolge geplant. Diese Variante war allerdings zu teuer, sodass sie seit jeher im Gleichklang löffeln.

Skizze der ursprünglichen Löffelfamilie mit fünf Familienmitgliedern.
Skizze der ursprünglichen Löffelfamilie mit fünf Familienmitgliedern. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Vereins Löffelfamilie e.V.

Pate gestanden haben soll der Go-West-Cowboy in Las Vegas und das Bild einer befreundeten Familie. Entstanden ist eine farbenfrohe Leuchtreklame, deren Anblick jahrelang die Leipziger und Gäste erfreute. Schnell hatte die Neonfamilie Kultstatus und das über die Stadtgrenzen von Leipzig hinaus.

Das genaue Datum der Inbetriebnahme lässt sich leider nicht benennen. Peter Dorsch vom Verein Löffelfamilie e.V. berichtet, dass auch Recherchen in den Archiven und Zeitungen im Zeitraum von 1974 bis 1978 leider erfolglos geblieben sind. Aus Unterlagen des Grafikers Jürgen Mau geht nur hervor, dass sie nicht vor 1975 installiert wurde.

Das Licht ging aus

Nach der Wende sind zahlreiche Leuchtreklamen in Leipzig verschwunden. Viele sind dem Bauboom zum Opfer gefallen und vielen Neueigentümern war der Unterhalt und die Erhaltung zu aufwendig. Dieses Schicksal hätte um ein Haar auch die Löffelfamilie erfasst. Die Treuhand verwaltete den Leerstand der Fabrikgebäude. Ein Teil des ehemaligen Feinkostgeländes wurde nach der Wende abgerissen. Hier entstand der gesichtslose Neubau eines Discounters. Zum Glück hat man mit dem Abriss an der der Karl-Liebknecht-Straße abgewandtem Teil begonnen, so dass die Löffelfamilie verschont geblieben ist. Nach großer öffentlicher Empörung und einer Unterschriftensammlung konnte ein weiterer Abriss der Gebäude gestoppt werden. Zu dieser Zeit leuchtete die Löffelfamilie schon nicht mehr.

Auch wenn das Gelände erhalten blieb, es war dem Verfall preisgegeben, inklusive der Leuchtreklame. Ein erster Erhaltungsschritt war 1993 die Ernennung zum Kulturdenkmal durch das Land Sachsen. Aber nur allein von einem Denkmalstatus kann der Erhalt nicht finanziert werden. Nur einer bürgerlichen Initiative ist es zu verdanken, dass die Löffelfamilie heute wieder leuchten kann. Mehrere Beteiligte gründeten 1996 die IG Löffelfamilie. Es begann eine große Rettungsaktion mit Benefizveranstaltungen und einem Spendenkonten. Die Löffelfamilie rückte wieder ins Leipziger Bewusstsein. Über 100 Einzelspenden gingen auf dem Konto ein. Letztlich standen 108.000 DM für die Sanierung zur Verfügung.

Für die Sanierung der Leuchtreklame konnte die Neontechnik Elektroanlagen Leipzig GmbH gewonnen werden. Dies ist die Nachfolgerfirma, der PGH Neontechnik Anlagenbau Leipzig, die schon 1975 für die Umsetzung verantwortlich war. Ein glücklicher Zufall, denn sie kannten die Eigenheiten sehr genau.

Löffelfamilie löffelt wieder

Kurz vor der Einweihung der neuen Leuchtreklame kam es zu unschönen Szenen, denn die Sanierung stieß nicht nur auf Gegenliebe. Sie wurde als Zeichen der Gentrifizierung gesehen, die man im eigenen Stadtteil nicht haben wollte. Einige wenige Randalierer warfen Farbbeutel und Steine. Der nicht unerhebliche Schaden wurde durch die NEL behoben. Die Party zur Wiederbelebung lief schon, da wurde immer noch an der Leuchtreklame gewerkelt. Zum Glück bleib es bei diesem einzigen Vandalismusangriff auf die Löffelfamilie. Letztlich konnte die Löffelfamilie am 29.12.1999, kurz vor dem Jahreswechsel von 1999 auf 2000 wieder zum Leuchten gebracht werden.

Allerdings waren die anfallenden Stromkosten und laufenden Reparaturkosten weiterhin sehr hoch. 2002 musste man erneut um Gelder bitten. Wieder fand sich eine breite spendenbereite Masse. Die NEL erbrachte die notwendige Reparatur auf eigenen Kosten. Weitere Spenden gingen ein. Und wieder konnte man die Summe aufbringen, um die kleine Familie weiter leuchten zu lassen.

Der nächste große Meilenstein war die Gründung des Vereins Löffelfamilie e.V. am 28.09.2007, der die Aufgabe der Erhaltung und des Betriebes der Löffelfamilie übernommen hat. Heute zählt der Verein 11 Unternehmen und Vereine sowie vier Privatpersonen. Sie alle erbringen zusätzlich zum Mitgliedsbeitrag ehrenamtlich Dienstleistungen zum Erhalt des Lichtkunstdenkmals. Schnell sind hier mehrere Wochen im Jahr an zeitlichem Aufwand zu verzeichnen. In das erste Jahr der Vereinsarbeit fiel gleich eine weitere umfangreiche Spendensammlung. Es stand die Stabilisierung der Giebelwand sowie die Überholung der technischen Anlagen an.

Modernes Fundraising

Auch wenn die Spendenbereitschaft von Institutionen immer mehr sinkt, konnte das durch
moderne Methoden im Fundraising kompensiert werden. Per Telefonanruf, per SMS oder auch per APP kann man einen vordefinierten Betrag von drei Euro spenden und die Löffelfamilie löffeln lassen. Immerhin konnten im Jahr 2018 347 Anrufe und 520 SMS-Eingänge verzeichnet werden. Die auf diesem Weg eingegangenen Spenden decken immerhin die Stromkosten für mehrere Monate. Besonders bei den SMS-Spenden konnte gegenüber dem Vorjahr ein deutlicher Zuwachs verzeichnet werden. Vereinsvorstand Peter Dorsch ist immer wieder begeistert, wie viele Menschen sich für die Löffelfamilie engagieren: „Sie ist eine Identifikation mit Leipzig und der Südvorstadt sowie die Bewahrung der Geschichte der DDR.“

Reklame für die Telefonnummer der Löffelfamilie.
Reklame mit der Telefonnummer der Löffelfamilie.

Auch wenn die Öffentlichkeitsarbeit für die Löffelfamilie ohne kostenpflichtige Werbung auskommt, ist sie sehr präsent. Auf Facebook versammelt die Löffelfamilie über 1.200 Freunde, die mit Neuigkeiten auf dem Laufenden gehalten werden. Unter der Löffelfamilie findet man einem Schaukasten mit den wichtigsten Daten sowie Karten und Flyer, die auf die Spendenaktion hinweisen.

Wahrzeichen der Südvorstadt

Zahlreiche Presseveröffentlichungen und Bücher mit Artikeln und Bildern oder Reiseführer machen Besucher auf die Löffelfamilie aufmerksam und sorgen dafür, dass sie bei Touristen mehr ist, als nur ein Geheimtipp. Für Leipziger ist ein Wahrzeichen, das aus der Südvorstadt nicht wegzudenken ist.

Wer die kleine Familie löffeln sehen will, hat täglich mit einsetzendem Sonnenuntergang Gelegenheit dazu. Jeden Abend schaltet sich die über eine Astro-Uhr gesteuerte Schaltung mit Einbruch der Dämmerung ein. Dann löffelt die Familie für 90 Minuten. Später am Abend kann sie mit einem Spendenanruf oder Spenden-SMS zum Leuchten gebracht werden.

Wir wünschen der Löffelfamilie noch weiterhin guten Hunger.

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Mit diesen Nummern bringt man die Löffelfamilie zum Leuchten:

Telefonnummer: 0900 56 33 335
SMS: Nachricht mit dem Inhalt LÖFFELFAMILIE an 81190
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Über die Autorin: Manja Reinhardt, Jahrgang 1975, lebt in der Leipziger Südvorstadt sowie in Plauen. Als freie Autorin schreibt sie unter anderem für die Freie Presse. Im Blog Vogtland-Zauber, den sie gemeinsam mit ihrem Mann betreibt, nimmt sie seit 2017 ihre Leser mit auf Entdeckungsreise im Vogtland.

Zum Beitrag: Der vorliegende Text erschien erstmals in der der Publikation „Kunstwerke an Gebäuden“ des Bundes Heimat und Umwelt Deutschland (BHU). Der Band kann kostenlos per E-Mail an info@bhu.de bestellt werden. Die ISBN-Nummer lautet: 978-3-925374-56-2. 

Fotos: Manja Reinhardt (3); Verein Leipziger Löffelfamilie

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