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Trotz Millionen Radfahrer – Stadtverwaltung weiter gegen Fahrradstraße im Süden

Karl-LIebknecht-Straße in Leipzig

Über zwei Millionen Radfahrer sind im vergangenen Jahr über die Karl-Liebknecht-Straße gefahren. Dennoch will die Stadtverwaltung weiterhin weder aus der Karli noch aus der Bernhard-Göring-Straße eine Fahrradstraße machen.

Exakt 2.078.175 Radfahrer haben von Anfang März 2019 bis Ende April dieses Jahres die Karl-Liebknecht-Straße auf Höhe der Braustraße passiert. Das lässt sich so genau sagen, weil die Stadtverwaltung dort Anfang vergangenen Jahres eine Messstelle installierte. Vergangene Woche veröffentlichte die Verwaltung nun die ersten Ergebnisse – übrigens aus Anlass einer Anfrage des Karli.blog.

Das Verkehrs- und Tiefbauamt spricht in seiner Antwort an den Karli.blog von einer „beachtlichen Zahl“. Trotzdem sieht die Verwaltung weiterhin keinen Bedarf für eine vom Zentrum nach Süden verlaufende Fahrradstraße. „Die Zählergebnisse aus den Dauerzählstellen (DZS) zum Radverkehr in der Karl-Liebknecht-Straße stützen die bisherige Haltung der Stadtverwaltung bei der Einschätzung zur Möglichkeit der Einrichtung von Fahrradstraßen im Peterssteinweg und der Bernhard-Göring-Straße“, schreibt die Stadt.

Zur Begründung heißt es weiter: „Eine hohe absolute Zahl von Radfahrenden ist aber kein maßgebliches Kriterium für die Anordnung einer Fahrradstraße, sondern neben weiteren Kriterien ist das relative Verhältnis zwischen Kfz- und Radverkehr ausschlaggebend.“ Dieses Verhältnis müsse laut Straßenverkehrsordnung zu Gunsten des Radverkehrs ausfallen beziehungsweise müsse das alsbald zu erwarten sein. Beides sei nicht der Fall.

11.200 Autos gegen 5.800 Radfahrer

Zum Autoverkehr auf der Karli liegen der Verwaltung allerdings keine genauen Zahlen vor. Der Vergleich mit dem Radverkehr kann nach Angaben der Verwaltung lediglich auf Grundlage des sogenannten „durchschnittlichen täglichen Verkehr Montag bis Freitag“ (DTV Mo-Fr) gezogen werden. Diesen punktuellen Zählungen, die aus 2017/18 sind, zeigen demnach täglich 11.200 Kraftfahrzeuge auf der Karli in Höhe Braustraße.

Rechnet man die oben genannten rund 2,1 Millionen Radfahrer auf einen Tag, ergibt sich (gerechnet mit 30 Tagen pro Monat) hingegen ein Wert von nur rund 5.800 Radlern. Das wären zwar beeindruckende vier Radfahrer pro Minute. Der Autoverkehr wäre demnach aber doppelt so hoch.

Wie es mit dem Radverkehr im Leipziger Süden weitergeht, bleibt gleichwohl eine politische Entscheidung. Der Stadtrat stimmte im November für den Antrag „Fahrradfreundliche Karli“. Die Ratsversammlung beauftragte damit die Verwaltung, bis Ende Juni die Einrichtung von Fahrradstraßen im Leipziger Süden zu prüfen. Diese Prüfung dauert nach Auskunft der Stadtverwaltung an. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass sich nach den aktuellen Aussagen noch etwas am Standpunkt der Verwaltung ändert.

Wird die Kochstraße zur Fahrradstraße?

Derweil schlug die Leipziger CDU – trotz der laufenden Prüfung – vor wenigen Wochen vor, die Kochstraße zu einer Fahrradstraße zu machen. Die Straße sei für Radfahrer ein sehr sicherer Weg, schrieb die Fraktion zur Begründung. Lediglich die Querung der Kurt-Eisner- und Richard-Lehmann-Straße müsse „sinnvoll geregelt“ werden. Der Antrag steht am Mittwoch auf der Tagesordnung des Stadtrats.

Kochstraße in Leipzig
Die Leipziger CDU hat die Kochstraße als alternative Fahrradstraße ins Spiel gebracht.

Neben der Radfahrzählstelle auf der Karli richtete die Verwaltung vergangenes Jahr auch eine Messstelle auf der Kurt-Eisner-Straße auf Höhe der Semmelweißstraße ein. Alle Zählergebnisse an beiden Stellen in den vergangenen zwölf Monate stehen in der Tabelle:

Dauerzählstellen Radverkehr
Zeitraum Kurt-Eisner-Straße Karl-Liebknecht-Straße
April 19 91.750 178.477
Mai 19 101.385 191.615
Juni 19 114.385 210.500
Juli 19 105.013 201.512
August 19 103.896 197.709
September 19 94.738 181.284
Oktober 19 89.721 183.451
November 19 79.345 177.729
Dezember 19 61.602 151.226
Januar 20 73.906 157.720
Februar 20 60.619 130.003
März 20 62.718 116.949
Summe 1.039.078 2.078.175

 

3 Kommentare zu “Trotz Millionen Radfahrer – Stadtverwaltung weiter gegen Fahrradstraße im Süden

  1. Peter Lichter

    Nun ja, zwischen Kurt Eisner Straße und Werk 2 muss der Radfahrer auf Kopfsteinpflaster fahren. Keine gute Lösung !

  2. Diese Entscheidung enttäuscht mich sehr und ich würde mich über weitere Informationen und Details der Entscheidung freuen. Und über Infos, ob Aktionen in Hinsicht auf die anstehende politische Entscheidung geplant werden, auch wenn zur Zeit natürlich eingeschränkt möglich

  3. Volker Holzendorf

    Seit dem die Novelle der StVO durch Veröffentlichung im Bundesanzeiger am 27. April 2020 in Kraft ist (vgl. https://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?startbk=Bundesanzeiger_BGBl&jumpTo=bgbl120s0814.pdf#__bgbl__%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27bgbl120s0814.pdf%27%5D__1588834945719), ist die Karli faktisch eine Fahrradstraße:
    Auch zu auf Radstreifen fahrenden Fahrrädern muss demnach ein Überholabstand von 1.5m eingehalten werden (vgl. §5, Absatz 4, Satz 2). Gemessen wird jeweils von der Lenkeraußenkante. Da gleichzeitig der Radfahrende zu am Straßenrand parkenden PKW ebenfalls 1.5m Abstand halten sollte, damit er dem berühmten „Dooring“ entgeht, kann kein PKW eine*n vor ihm fahrenden Radfaher*in StVO-konform überholen. Deswegen ist das Nebeneinanderfahren von Fahrrädern, dass inzwischen ebenfalls erlaubt ist, sofern keine Behinderung des Nachfolgenden Verkehrs gegeben ist (vgl. §2, Absatz 4, Satz 1), ständig möglich und sollte ebenso praktiziert werden, um das Überholen, dass NICHT möglich ist, auch faktisch zu unterbinden.

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