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Radverkehr: Leipzigs möglicher Weg zum Fahrrad-Paradies

Radverkehr auf der Karl-Liebknecht-Straße in Leipzig

Nach drei tödlichen Fahrradunfällen ist in Leipzig eine Debatte um die Sicherheit und Zukunft des Radverkehrs entbrannt. Welche radikalen Veränderungen möglich wären, zeigte nun eine Veranstaltung in der Alten Schlosserei in der Kurt-Eisner-Straße. Ein Radverkehrsplaner aus Groningen erklärte, wie die niederländische Stadt den Wandel zur Fahrradstadt geschafft hat. Vieles ließe sich auch in Leipzig umsetzen.

Der Vortrag von Edwin Papjes, Radwegeplaner in der Groninger Stadtverwaltung, am Freitag (1. Juni) in der Südvorstadt war geeignet, Leipziger Radfahrern Freudentränen in die Augen zu treiben. In der niederländischen Großstadt mit circa 200.000 Einwohnern gilt das Prinzip „Fahrräder first“. Unter anderem gibt es ein weit verzweigtes und geschlossenes Radverkehrsnetz, weitgehende Vorfahrt für Radler und sogar einen Winterdienst für Radwege.

Bereits vor gut 40 Jahren leitete die Verwaltung die Verkehrswende hin zur Fahrradstadt ein. Heute liegt der Anteil des Radverkehrs in Groningen bei über 60 Prozent. Zum Vergleich: In Leipzig werden lediglich gut 17 Prozent der Wege mit dem Rad zurückgelegt, was bereits sächsischer Rekord ist.

Groningen: Radwege statt Parkplätze

Papjes erläuterte detailliert, wie die Stadt den Radverkehr attraktiver und sicherer gemacht hat. Die zentralen Punkte:

  • 1977 sperrten die Groninger die Innenstadt für den durchgehenden Autoverkehr. Autofahrer dürfen zwar heute noch in die Innenstadt fahren, müssen ihre Fahrzeuge aber in Parkhäusern mit relativ hohen Gebühren abstellen. „Wir verbieten Autofahrern nichts, aber wir machen es bequemer und kostengünstiger andere Verkehrsmittel zu nutzen“, erklärte Papjes.
  • Diesem Grundsatz folgend, ist das Parken auch in den innenstadtnahen Stadtteilen größtenteils nur in Parkhäusern möglich. Pendler können am Stadtrand Park-and-Ride-Plätze nutzen und preiswert mit dem Bus in die Stadt fahren.
  • Durch die Wegnahme der Parkplätze außerhalb der Parkhäuser entsteht viel Raum. Diesen nutzte die Stadt unter anderem, um zahlreiche breite Radwege anzulegen. Darunter sind häufig sogenannte „protected bikelanes“, also vom Autoverkehr abgetrennte Radwege, wie sie derzeit auch eine Online-Petition für die innere Jahnallee fordert.
  • Um die Sicherheit von Radfahrern in engen Straßen zu erhöhen, wurden diese vielfach zu Einbahnstraßen erklärt. Radfahrer dürfen diese Straßen jedoch in beide Richtungen benutzen.
  • Auch in Groningen seien vor Jahren noch Radfahrer von abbiegenden Lkws überfahren worden, erzählte Papjes. Fast überall dürfen Radfahrer in Groningen deshalb inzwischen ganz vorne an der Ampel stehen, damit sie als erstes losfahren können und es zu solchen Situationen nicht kommt.
  • An den großen Kreuzungen gilt eine noch radikaler Lösung: Dort haben alle Radfahrer aus allen Richtungen gleichzeitig grün. Busse und Autos haben ihre eignen Grünphasen. Zusätzlicher Service: Sensoren erfassen, ob es regnet und verlängern bei schlechtem Wetter die Schaltung für Radfahrer.
  • Papjes machte deutlich, dass die heutige Fahrradstadt Groningen Ergebnis langer Arbeit und vieler kleiner Schritte ist. Neben dem politischen Willen brauche es Überzeugungsarbeit und einen Kulturwandel. Andererseits sei es eine einfache Entscheidung, den Verkehr in einer Stadt umzugestalten. Papjes zitierte den Stadtplaner Fred Kent, der übersetzt einmal sagte:

„Wenn man Städte für Autos und Verkehr plant, bekommt man Autos und Verkehr. Wenn man für Menschen und Räume plant, bekommt man Menschen und Räume.“

Viel erreicht und noch viel zu tun

An den Vortrag, der von den Leipziger Grünen organisiert wurde, schloss sich eine Podiumsdiskussion mit Experten an. Dort war Peter Feldkamp vom Verein Changing Cities für die radikalen Forderungen zuständig: „Wir brauchen jetzt nicht die kleinen Schritte, wir brauchen den großen Wurf“, sagte er. Feldkamp initiierte in Berlin den erfolgreichen Volksentscheid Fahrrad mit, der maßgeblich dafür sorgte, dass Berlin nun ein Vielfaches an Geld für die Förderung des Radverkehrs ausgibt. Ein neues Mobilitätsgesetz mit einem großen Abschnitt zum Radverkehr wird in der Hauptstadt gerade ausgearbeitet.

Edwin Papjes, Rosalie Kruijer, Katja Meier, Peter Feldkamp, Christoph Waack
Diskutierten über den Radverkehr in Leipzig (v.l.): Der Stadtplaner Edwin Papjes, Rosalie Kruijer und Katja Meier (beide Grüne), Peter Feldkamp von Changing CIties und Christoph Waack vom ADFC Leipzig. (Foto: Karli.blog/Alexander Laboda)

Christoph Waack, Vorsitzender des ADFC Leipzig, verteidigte hingegen die Situation in Leipzig. Es sei in den vergangenen Jahren bereits viel geschehen, um den Radverkehr besser und sicherer zu machen. Das spiegele sich auch in den Statistiken wider: „Im Vergleich zu 1991 verzeichnen wir beim Anteil des Radverkehrs eine Verdreifachung bis Vervierfachung“, sagte Waack. Zugleich kritisierte der ADFC-Chef aber auch die zu geringen Planungskapazitäten in der Stadtverwaltung: „Es ist viel zu wenig Personal da, um die Prozesse in Gang zu setzen, die man gerne möchte und schon beschlossen hat.“

Radverkehr auf der Karli „suboptimal“

Im Einzelgespräch mit dem Karli.blog bemängelte Waack auch die Situation des Radverkehrs im Zentrum-Süd und der Südvorstadt. „Subotimal“ sei die Situation etwa auf der Karl-Liebknecht-Straße und dem Peterssteinweg, wo erst 2014 und 2015 grundlegend saniert wurde. Waack sagte:

„Der Radverkehr hat seit der Sanierung auf der Karli sehr zugenommen, sodass die Radwege dort jetzt eigentlich schon wieder zu schmal sind.“

Alternative Routen müssten nun her. „Man hat uns damals bei der Kompromisssuche zur Gestaltung der Karli versprochen, dass die Bernhard-Göring-Straße zur Fahrradstraße umgebaut wird. Da ist bis heute nichts passiert“, erklärte Waack. Die Arthur-Hoffmann-Straße sei ebenfalls sanierungsbedürftig. Auch hier würde sich die Chance bieten, die Straße für den Radverkehr attraktiver zu machen. Momentan müssen Radfahrer dort zwischen Bahngleisen, geparkten Autos und Schlaglöchern fahren.

Drei Unfälle mit Lkws

Dieses Jahr starben im Leipziger Verkehr bereits drei Radfahrer. Erst vergangene Woche überrollte ein Lkw einen 53-Jährigen in der Rosa-Luxemburg-Straße. Der Vorfall ereignete sich nur Stunden vor der hier besprochenen Veranstaltung. Anfang Mai starb eine 31-Jährige nach einem Unfall in der Prager Straße. Entsetzen hatte zuvor bereits der Tod einer 16-Jährigen ausgelöst, die einem Zusammenstoß am Martin-Luther-Ring nicht überlebte. Auch die beiden Frauen wurden von Lkws erfasst.

PS: Vortrag und Debatte hat die Landtagsfraktion der Grünen bei Facebook übertragen. Das Video kann man sich dort noch in kompletter Länge anschauen.

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