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Schauspieler Peter Schneider: „Ein Film muss immer politisch sein“

Der Schauspieler Peter Schneider

Peter Schneider hat es von Leipzig aus zu internationaler Bekanntheit gebracht. Der Schauspieler ist aktuell unter anderem in der Erfolgsserie „Dark“ zu sehen. Im Interview spricht der Südvorstadt-Bewohner über den Erfolg der Netflix-Produktion, Defizite im deutschen Fernsehen und die politische Lage in Sachsen.

Frage: Du hast zuletzt zum Beispiel in „Dark“, Babylon Berlin“ oder „Gundermann“ mitgespielt – allesamt sehr erfolgreiche Projekte. Verfügst Du über ein gutes Gespür für die richtigen Rollen?

Peter Schneider: Ich wähle die Projekte, bei denen ich mitmache, jedenfalls sorgfältig aus. Am Anfang habe ich sehr sparsam gelebt, um mir das leisten zu können. Heute kann ich dafür sagen, dass ich zu über 90 Prozent hinter den Sachen stehe, die ich gedreht habe.

Nach welchen Kriterien wählst Du aus?

Ich habe drei Faktoren: den Inhalt, die beteiligten Menschen und das Geld. Zwei von den drei Faktoren müssen mindestens stimmen. Das bedeutet, dass ich zum Beispiel auch auf einen guten Verdienst verzichte, wenn nette Leute einen spannenden Inhalt bearbeiten. Da sponsere ich gerne einen talentierten jungen Regisseur oder bringe ein Thema voran, hinter dem ich stehe.

Weißt Du schon vorher, ob ein Film oder eine Serie ein Erfolg beim Publikum wird?

Das kann man nicht vorhersagen. Bei „Dark“ zum Beispiel wusste vorher niemand was passiert. Die Bücher hatten eine totale Faszination und ich wusste, dass Baran bo Odar und Jantje Friese als Showrunner das großartig machen würden – aber dieser internationale Erfolg kam trotzdem aus heiterem Himmel. Es klingt zwar blöd, wenn man selbst mitspielt: Aber ich bin ein großer Fan der Serie. Das liegt vielleicht daran, dass ich als Kind schon begeistert war von „Zurück in die Zukunft“.

„Die komplexeren Charaktere, wie psychisch Kranke, finde ich besonders interessant, weil man sich in fremde Welten hineinbegeben kann.“

Die Serie gibt den Zuschauern bis heute viele Rätsel auf. Wie oft musstest Du das Drehbuch lesen, bis Du den Durchblick hattest?

Es ist clever gemacht, dass die Serie viel offen lässt. Ich frage mich bis heute, wo der Sohn von Helge Doppler herkommt und hoffe, dass das noch geklärt wird. Interessanterweise kann man der Geschichte beim Lesen aber besser folgen. Es hilft, dass die Figuren jederzeit klar benannt sind und man auch mal zurückblättern kann. Allerdings hat sich die Geschichte von der ersten Fassung der Bücher über die Dreharbeiten hinweg stark verändert. Das Ergebnis war für mich als Zuschauer am Ende wieder neu.

Peter Schneider als Helge Doppler
Peter Schneider als Helge Doppler. Bildrechte: Netflix

Du gehörst also zu den Schauspielern, die eigene Filme hinterher auch ansehen?

Meistens. Ich möchte wissen, wie etwas wirkt. Nur so kann ich mich entwickeln. Ich bin sehr selbstkritisch. Deshalb ist es am besten, ich sehe den Film mit Vertrauten, meinen Eltern oder meiner Frau zum Beispiel. Da bekomme ich ein ehrliches Feedback. Ich schaue mir aber nicht nur meine Produktionen an, sondern sehe allgemein viel Fernsehen. Das ist für mich Teil des Jobs. Ich muss mich ein wenig auskennen – auch um entscheiden zu können, wo ich mitmachen möchte.

Du spielst meist entweder Durchschnittstypen oder psychisch sehr auffällige Charaktere. Bewegst du Dich gern zwischen Extremen? 

Die Bandbreite ist das Schöne an dem Beruf. Die komplexeren Charaktere, wie psychisch Kranke, finde ich besonders interessant, weil man sich in fremde Welten hineinbegeben kann. Glücklicherweise hat es sich in meiner Karriere so ergeben, dass ich diese Rollen häufiger spielen darf. Die erste größere Rolle dieser Art war sicherlich der Crystal-Pete in ‚Berlin Calling‘. Später kam ‚Die Summe meiner einzelnen Teile‘. Für mich ist das auch deshalb ein schönes Betätigungsfeld, weil es oft eine politische Dimension gibt. Es geht da um Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen.

„Das Fernsehen zeigt zu oft Geschichten von Menschen, die von oben nach unten fallen. Es gibt aber zu wenige Geschichten aus dem echten Leben.“

Würdest Du Dich selbst als politischen Menschen bezeichnen?

Total. Ich bin aus politischen Gründen Schauspieler geworden. Ich habe ja erst Musik studiert. Aber da hat mir häufig eben diese politische Komponente gefehlt. Ich finde ein Theaterstück oder ein Film muss immer politisch sein. Es muss Reibungsflächen geben, sonst ist es uninteressant. Ich finde auch, dass im deutschen Fernsehen viele gesellschaftliche und politische Themen zu wenig vorkommen.

Welche Themen meinst Du zum Beispiel?

Das Fernsehen zeigt zu oft Geschichten von Menschen, die von oben nach unten fallen. Es gibt aber zu wenige Geschichten aus dem echten Leben. Zum Beispiel würde mich ein Film interessieren, der in einer der abgehängten Regionen spielt, über die so viel geredet wird. Was macht das mit Menschen in einem Ort, wenn viele andere abwandern? Wieso gehen diesen Gemeinden jetzt diesen politischen Weg? Das kann man auch ohne belehrenden Zeigefinger machen.

Du sprichst ein wichtiges Thema im Landtagswahlkampf in Sachsen an. Wie siehst Du die politische Lage bei uns im Freistaat, speziell die Umfragewerte der AfD?

Das macht Angst. Mir wäre es lieber, wenn die AfD nicht so viele Stimmen erhalten würde. Zumal ich die Partei für weitgehend inhaltslos halte. Sie lebt davon, gegen etwas zu sein. Sie tut aber sehr wenig für irgendetwas. Das sieht man auch an der Arbeit in den Landtagen. Die Partei versucht, über Anfragen zu provozieren und die Regierung zu blockieren. Es ist geradezu tragisch, dass das ausreicht, um so viele Stimmen zu bekommen. Andererseits zeigen die Umfragewerte natürlich einen großen Frust auf.

Peter Schneider in "Nackt unter Wölfen"
Peter Schneider in „Nackt unter Wölfen“. Bildrechte: ARD

Woher kommt dieser Frust?

Schon vor zehn Jahren hätte man kritisch fragen müssen, warum nur noch die Hälfte der Bürger zur Wahl gehen. Das war damals schon ein fatales Zeichen für die Demokratie, wurde aber verharmlost. Heute akquiriert die AfD viele dieser Nicht-Wähler – das muss man auch sehen. In Sachsen reichen die Fehler der CDU bis in diese Zeit und noch länger zurück. Die Regionen wurden in vielerlei Hinsicht allein gelassen. Bei der Polizei und den Schulen wurde zum Beispiel massiv gespart, auch auf Grundlage falscher Bevölkerungsprognosen. Dann kam 2015 die Flüchtlingskrise, die auch nicht gut organisiert wurde. All das hat zu diesem Frust geführt, den wir jetzt ausbaden müssen.

Der Erfolg der AfD wird oft mit den Erfahrungen der Wende-Zeit und der Wiedervereinigung in Verbindung gebracht. Siehst Du auch diesen Zusammenhang? 

Da steckt eine Wahrheit drin. Man muss sich nur mal ansehen, wem das Eigentum im Osten gehört, wer an den Schaltstellen von Politik, Verwaltung oder Universitäten sitzt oder wer auch im Kulturbereich die Deutungshoheit hat. Ich will keinen Graben aufmachen, aber da sind die Ostdeutschen in den vergangenen 30 Jahren unterrepräsentiert. Das kommt jetzt hoch. Wobei die meisten AfD-Wähler gar keine Wendeverlierer sind. Das sind Leute, die sind jetzt ungefähr 60 Jahre alt, die haben sich noch ihr Reihenhäuschen bauen können. Aber diese Menschen haben Angst, dass wieder ein System zusammenbricht und sie alles verlieren. Daraus entsteht zum Teil dieser kaum greifbare Unmut und das Motiv, über das Wahlverhalten einen Molli auf das Establishment zu schmeißen. Und ich fürchte, je mehr in den Medien diskutiert wird, wie schlimm die AfD ist, desto sturer werden diese Leute.

Leipzig und speziell die Südvorstadt ticken politisch anders. Ist das auch ein Grund dafür, warum Du gerne hier wohnst?

Auf das Politische würde ich das gar nicht reduzieren. Ich fühle mich hier einfach sehr wohl. Ansonsten sehe ich mich auch nicht als politisch links oder rechts. Ich bin Humanist. Die Grenzen sind für mich, wo Menschenfeindlichkeit und Hass entstehen. In dieser Hinsicht gibt es in der Südvorstadt ein gutes Zusammenleben. Das liegt auch daran, dass hier alle Bevölkerungsschichten vertreten sind. Der Stadtteil ist relativ natürlich gewachsen und nicht gentrifiziert. Man muss natürlich abwarten, wie lange das noch so bleibt. Der Druck auf dem Wohnungsmarkt hat natürlich eindeutig zugenommen.

„Ich würde nicht bei allem mitmachen, nur weil es von Amerikanern produziert wird.“

Du lebst jetzt 18 Jahre hier in der Südvorstadt. Kannst Du Dir vorstellen, nochmal wegzuziehen?

Nö (lacht). Manchmal überlegen meine Frau und ich, ob wir für eine gewissen Zeit irgendwo anders hingehen. Das haben wir beide ein wenig verpasst, als wir jung waren. Aber wo wir dann hingehen würden, wissen wir momentan auch noch nicht. Die Ideen reichen von Amerika bis Asien. Es gibt viele schöne Gegenden. Mein Problem ist, dass ich beruflich sehr an der deutschen Sprache hänge. Insofern müsste ich mir wahrscheinlich eine andere Aufgabe vor Ort suchen, damit ich nicht verrückt werde.

Hollywood ist also nicht Dein Ziel?

Natürlich träumt man als Schauspieler davon. Aber ein Ziel ist das nicht. Grundsätzlich käme es auch hier wieder auf die Inhalte und die handelnden Personen an. Ich würde nicht bei allem mitmachen, nur weil es von Amerikanern produziert wird. Außerdem müsste ich erstmal jemanden finden, mit dem es gut passt. So wie das zum Beispiel bei Christoph Waltz und Quentin Tarantino gelaufen ist. Da haben sich ja zwei gefunden. Das ist großartig.

Wo und wann können wir Dich wieder in Filmen oder Serien sehen?

Man sieht mich oft (lacht). Es sind bestimmt schon sechs oder sieben Produktionen abgedreht. Wann die rauskommen, weiß ich selbst aber auch nicht. Zurzeit drehe ich an einer sehr interessanten Serie in Berlin mit Jasna Fritzi Bauer in der Hauptrolle. Die Serie heißt ‚Rampensau‘ und ist eine ziemlich verrückte Adaption aus Israel. Es geht um eine junge Frau, die sich für ihren Freund in eine heikle Situation bringt. Die Serie läuft im Herbst auf Vox.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Peter Schneider wurde 1975 in Leipzig geboren. An der Hochschule fur Musik und Theater absolvierte er zunächst ein Musik- und später ein Schauspielstudium. Seitdem ist er vor allem als Schauspieler, aber auch als Musiker, Komponist und musikalischer Leiter an verschiedenen Theatern in Deutschland tätig. Seit der Jahrtausendwende war Peter Schneider in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen zu sehen, unter anderem in „Kruso“, „Die Stille danach“, „Nackt unter Wölfen“, „Bornholmer Straße“ oder „Berlin Calling“. Für die Hauptrolle in „Die Summe meiner einzelnen Teile“ war Schneider 2012 als bester männlicher Darsteller für den Deutschen Filmpreis nominiert. Weitere Informationen und eine Filmografie gibt es unter www.peter-schneider.tv

Titelfoto: Peter Hartwig

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