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Streit um Schweinefleisch: Blick in den Abgrund

Die Empörung um Schweinefleisch auf den Speiseplänen von zwei Leipziger Kitas ist grotesk. Sie zeigt den politischen Zeitgeist wie unter einem Brennglas. Im Konflikt zwischen Nationalisten und Liberalen, zwischen Klimaleugnern und Umweltaktivisten, reicht der geringste Anlass, um einen Shitstorm auszulösen. Ein Kommentar.

Man könnte meinen, dass es seit Dienstagmorgen in Deutschland keine Bratwürste mehr gibt. So hoch schaukelte sich die Empörungswelle in den sozialen Netzwerken, nachdem die „Bild“ Zeitung reißerisch publik machte, dass zwei Kitas im Leipziger Süden zukünftig kein Schweinefleisch mehr zum Essen anbieten wollen.

Maximale Skandalisierung

Der Vorgang ist insofern zunächst ein Paradebeispiel für den schlechten Zustand unseres Mediensystems. Deutschlands größtem Boulervard-Blatt gelingt es mit maximaler Skandalisierung und Emotionalisierung ein sehr kleines und lokales Ereignis so aufzupusten, dass es in den Echokammern der sozialen Netzwerke tausendfach geteilt und kommentiert wird. Wohlgemerkt: Es geht um zwei von über 50.000 Kitas in Deutschland.

Vorsichtig ausgedrückt, ist das eine unredliche Berichterstattung. Das zeigt sich allein schon an der Unfähigkeit der „Bild“, ein einziges Elternteil an einer der beiden Kitas zu finden, dass öffentlich Kritik an der Entscheidung der Kita-Leitung formuliert hätte. Stattdessen „entblödet“ (taz) sich die Bundesernährungsministerin, einen Kommentar abzugeben und den Bericht des Blatts so zu adeln.

Keine Frage: Man kann darüber debattieren, wie ein friedliches Miteinander von Religionen und Weltanschauungen gelingen kann – und wie weit dabei die Toleranz zu gehen hat. Es ist aber nicht zielführend, dies anhand eines solchen Einzelfalls zu tun. In den Kitas sollten zu allererst die Eltern und Mitarbeiter eine gemeinsame Entscheidung treffen. Das ist offenbar geschehen. Dem Vernehmen nach gab es keinerlei Proteste gegen die Ankündigung der Kita, die bereits vor mehreren Wochen erfolgt sein soll.

Rechte Demagogen nutzen inzwischen jede Petitesse, um gegen „Islamisierung“, „Asylanten“, „Ökofaschismus“, „Gender-Wahn“ etc. zu hetzen.

Vorschub für Nationalismus, Fremdenhass und Intoleranz

Das Ergebnis ist daher keine vernünftige Diskussion über ein „gedeihliches Miteinander“ (Julia Klöckner), sondern ein Blick in den tiefen Abgrund, der dieses Land spaltet. Rechte Demagogen nutzen inzwischen jede Petitesse, um gegen „Islamisierung“, „Asylanten“, „Ökofaschismus“, „Gender-Wahn“ etc. zu hetzen. Springer-Presse und Teile der CDU laufen den Hasspredigern hinterher und merken noch immer nicht, dass sie Nationalismus, Fremdenhass und Intoleranz nur weiteren Vorschub leisten.

Die Mutter einer Vierjährigen, die eine der Kitas besucht, soll das Thema Schweinefleisch am Dienstag als absurd bezeichnet haben. Es gebe drängendere Themen. Damit hat sie völlig recht. Der Blick muss nicht einmal übermäßig geweitet werden, um das zu erkennen. In Leipzig gibt es nicht genügend Kitas und Schulen. In Sachsen fehlen Erzieher und Lehrer. Und die massenhafte Haltung von Tieren unter erbärmlichen Umständen bedroht unsere Gesundheit, die Umwelt und das Klima.

Deutschland sollte im Sommer über andere Themen streiten, Entscheidungen treffen und danach die Probleme beherzt lösen. Andernfalls wird es nach den Wahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg im Herbst nicht mehr um vermeintlich zu weit reichende linke Toleranz gehen, sondern um rechte Intoleranz.

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