Alle Artikel Unterhaltsam

Auf Zeitreise in Leipzig mit Google Street View

Vor über zehn Jahren fotografierte Google für sein Projekt Street View in Deutschland tausende Straßenzüge. Inzwischen sind die Bilder derart veraltet, dass sie eine Reise in die Vergangenheit ermöglichen. Wer bei Street View zum Beispiel einen digitalen Bummel über die Karl-Liebknecht-Straße in der Südvorstadt macht, sieht dort einen enormen Wandel innerhalb nur eines Jahrzehnts. Die Veränderungen spiegeln die Entwicklung der Stadt, aber auch der Gesellschaft insgesamt.

Bei Facebook, Instagram und Twitter liegt der Hashtag #10Yearchallenge derzeit im Trend. Menschen veröffentlichen dort ältere und neuere Fotos von sich, um zu zeigen, wie sehr oder wenig sie sich in den vergangenen zehn Jahren verändert haben. Einen ähnlichen Effekt können Internetnutzer erzielen, wenn sie mit dem Google-Dienst „Street View“ Straßen und Orte in deutschen Großstädten besuchen.

Proteststurm von Datenschützern

Inzwischen ist es nämlich mehr als zehn Jahre her, dass Autos mit Kameras im Auftrag von Google durch Deutschland fuhren, um die Metropolen von oben bis unten abzulichten. Hierzulande löste das einen Proteststurm von Datenschützern los. Tausende forderten Google auf, ihre Häuser zu verpixeln, damit keiner ins Wohnzimmer schauen kann. Dem Konzern wurde das zu viel. 2011 stellte er Street View in Deutschland ein. Die ersten Aufnahmen aus den Jahren 2008 und 2009 blieben jedoch online – und ermöglichen heute die digitale Zeitreise.

Radwege existieren nicht

Wie aufschlussreich der Blick zurück bei Street View ist, zeigt sich etwa am Beispiel der Karli in der Leipziger Südvorstadt. Einige Unterschiede springen sofort ins Auge. Der große Karli-Umbau ist zum Zeitpunkt der Aufnahmen noch Zukunftsmusik. Der Zustand des Straßenbelags ist entsprechend beklagenswert; zwischen Emilienstraße und Körnerstraße gibt es keinen Radweg; die Straßenbahnhaltestellen Münzgasse und Hohe Straße existieren nicht. In Höhe der Arndtstraße ist die Karli im August 2018 allerdings einseitig gesperrt. Offenbar wird zumindest dort gerade die Fahrbahn erneuert.

Frappierend sind zudem die zahlreichen Baulücken und unsanierten Gebäude. Wo heute zum Beispiel an der Ecke zur Paul-Gruner-Straße der Neubau mit dem Burger King hervor sticht, stehen 2008 noch Bäume und Altglas-Container. Schräg gegenüber gibt es zwar keinen Biomare-Markt, aber noch zwei Telefonzellen.

Weiter südwärts ist etwa das Haus, in dem heute das Café Maître untergebracht ist, mit Brettern verschlagen. Noch weiter Richtung Connewitz entsteht in der Gustav-Freitag-Straße gerade ein Erweiterungsbau der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK). Auf der anderen Straßenseite liegt eine große Grünfläche, die heute ebenfalls bebaut ist.

Videothek und Sonnenstudio verschwunden

Rings um den Südplatz zeigen sich im Kleinen die großen gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit – von veränderten Einkaufsgewohnheiten über die Digitalisierung bis hin zu einem stärkeren Gesundheitsbewusstsein. So gibt es direkt am Südplatz im Jahr 2008 noch die Fleischerei Lasch, an der Ecke zur Schenkendorfstraße eine Videothek und gegenüber der nato ein Sonnenstudio. Wo hingegen heute der Burgermeister schnelles Essen zubereitet, steht damals noch das alte unsanierte Toilettenhäuschen.

Auch gesamtdeutsche Wirtschaftsgeschichte kann bei Street View besichtigt werden. So residiert in in der Karl-Liebknecht-Straße 19 vor mehr als 10 Jahren noch die Dresdner Bank. Ende 2009 ging diese in der Commerzbank auf. Direkt daneben ist noch ein Markt der Drogeriekette Schlecker zu sehen, die 2012 Pleite ging.

Street View zeigt Leipzigs Wandel

Wie stark sich Leipzig insgesamt gewandelt hat, verdeutlicht ein Ausflug mit Street View ins Zentrum. Vor zehneinhalb Jahren befanden sich etwa die neuen Gebäude der Universität am Augustusplatz ebenso noch im Bau wie das Gondwanaland am Zoo oder die Erweiterung der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Höfe am Brühl existieren bei Street View ebenso wenig wie das Bus-Terminal am Hauptbahnhof oder die Propstei-Kirche am Wilhelm-Leuschner-Platz.

Google plant keine Aktualisierung

Die veralteten Aufnahmen werden noch länger online stehen. Google hat jedenfalls nicht vor, die Ansichten in naher Zukunft zu aktualisieren. Auf Anfrage des Karli.blog antwortet ein Sprecher des Unternehmens: „Wir haben derzeit keine Pläne, neues Bildmaterial von deutschen Straßen in Street View verfügbar zu machen, wir würden gerne aktualisieren, aber deutsche Datenschutzbestimmungen verhindern das leider.“

Leipziger können also weiterhin in die digitale Zeitmaschine einsteigen. Wie viele Menschen in Deutschland von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, ist indes unklar. Zu den Nutzerzahlen von Street View wollte Google keine Angaben machen.

Titelbild: ©2018 Google LLC, used with permission. Google and the Google logo are registered trademarks of Google LLC. 

4 Kommentare zu “Auf Zeitreise in Leipzig mit Google Street View

  1. Bernd Wand

    Und wie schön grün es damals noch wirkte.
    Und ich meine nicht die Dresdner Bank;)

  2. Peter Komarowski

    Vielen Dank für diesen spannenden Artikel! 🙂

  3. Auch wenn es ein bisschen schorf klingen mag. Diese Sache mit Streetviev in Deutschland ist mittlerweile die größte Doppelmoral die ich kenne. Alle nutzen WhatsApp Facebook Insta, möchten aber nicht, dass nur 1 Pixel der Fassade ihres Hauses zu sehen ist. Das kapiere ich nicht und werde es in den nächsten Jahren auch nicht verstehen….

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.