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Verschärfen 130 Airbnb-Unterkünfte die Wohnungsnot in der Südvorstadt?

Blick auf die Leipziger Südvorstadt.

In der Leipziger Südvorstadt werden mindestens 130 Unterkünfte über die Internet-Plattform Airbnb angeboten. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Stichprobe des Karli.blog. Einige Kommunalpolitiker halten die hohe Zahl der privaten Ferienwohnungen für ein Problem. Die Anbieter sind sich keiner Schuld bewusst.

Seit Monaten wird in Leipzig über Airbnb-Unterkünfte gestritten. Kritiker befürchten: Die Vielzahl der privaten Ferienwohnungen, die über die Plattform angeboten werden, verknappen das Wohnungsangebot in der Stadt – und dies bei einem ohnehin angespannten Markt. Die Leipziger Volkszeitung (LVZ) widmete dem Thema eine Multimedia-Reportage. Das MDR-Magazin Exakt berichtete unter dem Titel „Touristen als Gefahr für günstiges Wohnen„.

Das Problem: Wie viele Wohnungen über Airbnb in Leipzig angeboten werden, weiß niemand genau. Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung stehen in Leipzig 6.000 Airbnb-Unterkünfte zur Verfügung. Das US-amerikanische Unternehmen selbst behauptet hingegen, es seien weniger als 3.000.

An allen Stichtagen mindestens 90 offene Airbnb-Angebote

Für die Südvorstadt hat jetzt der Karli.blog eine Stichprobe durchgeführt, um die Zahl der Airbnb-Unterkünfte im Stadtteil zu schätzen. Auf Airbnb, wo stets nur freie Unterkünfte anzeigt werden, wurde dazu für verschiedene Anreisedaten eine Unterkunft gesucht, und zwar jeweils für zwei Personen und für zwei Nächte. Das Ergebnis: Stets waren zu den Stichtagen im Juni, August und September mindestens 90 Unterkünfte zwischen Körnerstraße und Richard-Lehmann-Straße verfügbar. Am größten war das Angebot im Juli mit 130 potenziellen Domizilen.

Nimmt man über einen interaktiven Stadtplan bei Airbnb noch das Zentrum-Süd, das Musikerviertel und das nördliche Connewitz hinzu, verdoppelt sich die Zahl der Angebote übrigens nahezu.

Häufige Vermietung kompletter Wohnungen

Auffällig ist die hohe Zahl der Inserate, bei der Interessenten nicht nur einen Platz auf der Couch oder ein einzelnes Zimmer buchen, sondern eine „gesamte Unterkunft“ mieten können. Der Anteil dieser Angebote liegt konstant über 50 Prozent. Im genannten Monat Juli konnte man zum Stichtag zum Beispiel 73 Wohnungen für sich allein mieten.

Es ist zwar die Grundidee von Airbnb, dass Menschen gerade in der Ferienzeit ihre Wohnungen vorübergehend anderen Personen anbieten. Doch bei diesen Komplettvermietungen liegt der Verdacht nahe, dass die Wohnungen dauerhaft zweckentfremdet werden. Dies würde die Lage auf dem Wohnungsmarkt tatsächlich verschärfen. Bei fehlender Anmeldung der Ferienwohnungen entgingen dem Finanzamt zusätzlich die fälligen Steuereinnahmen.

Etliche Verdachtsfälle von Zweckentfremdung bei Airbnb

Die Verdachtsmomente lassen sich belegen. Viele der entsprechenden Komplettangebote sind fast das ganze Jahr über buchbar, haben dutzende oder gar hunderte Bewertungen und auf den Fotos der Räumlichkeiten sind kaum private Gegenstände eines vermeintlichen Dauermieters zu sehen. Drei konkrete Beispiele:

Hohe Gewinne, keine Skrupel

Welche Gewinne hier möglich sind, zeigt etwa das dritte Beispiel. Der Airbnb-Preis für die Ein-Zimmer-Wohnung liegt bei 74 Euro am Tag. Bei einer Auslastung von 75 Prozent ergeben sich daraus Einnahmen von mehr als 1.700 Euro pro Monat – ein Vielfaches der ortsüblichen Miete.

Hotel auf der Karl-Liebknecht-Straße in Leipzig.
Hoteliers in Leipzig klagen ebenfalls über die Konkurrenz durch Plattformen wie Airbnb. Foto: Karli.blog/Alexander Laboda

Drei Anbieter ähnlicher Wohnungen hat der Karli.blog bereits vor Wochen angeschrieben und gefragt, wie sie zum Vorwurf der Zweckentfremdung stehen und ob sie sich selbst rechtlich abgesichert fühlen. Eine Person antwortete nicht. Eine andere wies den Vorwurf zurück und behauptete, nur gelegentlich zu vermieten. Die dritte schrieb: „Im Gegensatz zu vermutlich vielen anderen versteuere ich das ganze; also Mehrwertsteuer und Einkommensteuer.“ Und weiter: „Leipzig ist nach wie vor ein Dorado für Mieter, es stehen zwischen 10.000 und 20.000 Wohnungen leer.“

SPD fordert Gegenmaßnahmen

Eine solche Aussage findet Christoph Zenker, SPD-Vorsitzender im Leipziger Stadtrat, lächerlich: „Die Person lebt vielleicht noch in einer Zeit von vor zehn Jahren. Wir haben heute in Leipzig in vielen Segmenten Vollvermietung. Das Mieterparadies ist vorbei.“

Zenker hat mit seiner Fraktion im Stadtparlament Ende Februar dieses Jahres einen Antrag gestellt für „Maßnahmen gegen die Zweckentfremdung von privatem Wohnraum“. Die Sozialdemokraten fordern unter anderem eine sogenannte Zweckentfremdungsverordnung auf Landesebene. Kommunen sollen damit die Möglichkeit bekommen, die dauerhafte Vermietung von Wohnungen an Feriengäste zu verhindern. „Selbst wenn es nur um einige hundert Wohnungen in der gesamten Stadt geht, sind das ein paar hundert zu viel“, sagte Zenker vor einigen Wochen gegenüber dem Karli.blog.

Unter zwei Prozent Leerstand in der Südvorstadt

Offizielle Zahlen belegen jedenfalls die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt. Laut des statistischen Berichts der Stadt für das dritte Quartal 2017 stehen in ganz Leipzig weniger als drei Prozent der Wohnungen leer. In der Südvorstadt liegt die Leerstandsquote nach Schätzung der Verwaltung inzwischen unter zwei Prozent.

Dennoch sieht sich die Stadt bisher nicht in der Lage, das Ausmaß des Problems mit den zweckentfremdeten Wohnungen systematisch zu untersuchen. Die Forderung nach einer entsprechenden Datenerhebung ist Teil des SPD-Antrags. Mathias Hasberg. Pressesprecher der Stadt Leipzig, gibt dafür in der erwähnten LVZ-Reportage rechtliche und organisatorische Gründe an.

Über acht Prozent mehr Gäste in Leipzig

Derweil reisen immer mehr Menschen nach Leipzig. Wie das Statistische Landesamt in Sachsen Mitte Mai meldete, kamen 2017 rund 1,7 Millionen Gäste in die Stadt. Das sind 8,7 Prozent mehr als im Vorjahr.

Das Wort „Ferienwohnungen“ taucht in dem Report nicht auf. Diese sind vermutlich aufgrund der niedrigen offiziellen Zahlen unberücksichtigt: In Leipzig wurden im vergangenen Jahr zum Beispiel lediglich sieben Anträge auf Umwandlung einer Wohnung in eine Ferienwohnung gestellt.

Eine Entscheidung des Stadtrats zum Antrag der SPD steht bis heute aus.

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